Der ukrainische Schiedsrichter Denys Shurman

Hamburg Ukrainischer Schiedsrichter: "Wenn der Luftalarm vorbei ist, spielen wir weiter"

Stand: 02.04.2025 09:50 Uhr

Denys Shurman lebt in zwei Welten: Bei seiner Familie in Hamburg - und als Profi-Schiedsrichter in der Ukraine, wo der Krieg tobt. Normal ist anders. Doch Shurman kämpft genau dafür - ein Stück Normalität in ganz schwierigen Zeiten.

Von Florian Neuhauss

Als der Luftalarm ertönt, wissen alle sofort, was zu tun ist. Schiedsrichter Shurman unterbricht das Spiel in der ersten ukrainischen Liga zwischen Krywbas Krywyi Rih und Schachtar Donezk in der 50. Minute. Die Gäste führen mit 1:0. Aber das ist in diesem Moment Nebensache. Auch, wenn sich mittlerweile alle an die latente Gefahr gewöhnt haben, gilt es jetzt, sich schnell in Sicherheit zu bringen.

Doch was danach folgt, ist eher ungewöhnlich. "Wir haben vier, fünf Stunden im Bunker gesessen. Die beiden Mannschaften, der ganze Staff, wir Schiedsrichter und wer eben noch im Stadion war", blickt Shurman im NDR Interview auf das Match im vergangenen Herbst zurück. "Der Luftalarm hörte einfach nicht auf. Deshalb haben wir entschieden, dass der Rest des Spiels an einem anderen Tag gespielt wird."

Sicherheit in Hamburg, aber Shurman zieht es zurück

Mehr als drei Jahre sind mittlerweile vergangen, seit Russland die Ukraine überfallen und in einen Krieg gezwungen hat. Shurman, der damals zusammen mit seinem Bruder einen Pizzalieferdienst in Wyschnewe in der Nähe von Kiew betrieb, musste fliehen. Sein Sohn, der eine schwere Behinderung hat und spezielle Medikamente brauchte, konnte in der Ukraine nicht mehr versorgt werden. Die Lieferketten waren zusammengebrochen.

"Natürlich sind wir wütend. Aber das hilft uns nicht, es wäre auch nicht gut für den Kopf, jeden Tag wütend zu sein."
— Denys Shurman

Wegen seines Sohnes war Shurman vom Militärdienst befreit worden und durfte das Land verlassen. Über Umwege landete die Familie in Hamburg - in Sicherheit.

Doch Shurman, dessen Bruder und viele seiner Freunde eingezogen wurden, kam nicht zur Ruhe. Immerzu musste der 38-Jährige an den Krieg denken. Dank Vermittlung der Fußball-Verbände konnte er in Deutschland wieder als Schiedsrichter arbeiten, pfiff Spiele in der Hamburger Oberliga und in der Regionalliga Nord. Nur bei der Arbeit, so merkte der Unparteiische, konnte er abschalten: "Wenn ich als Schiedsrichter auf dem Platz stehe, geht es mir besser."

DFB-Schiedsrichter Patrick Ittrich an Shurmans Seite

In Hamburg lernte Shurman den deutschen Profi-Schiedsrichter Patrick Ittrich kennen. Der Hamburger nahm sich seines Kollegen an - und wurde schnell zum Freund. "Wenn wir uns unterhalten, geht es je zu einem Drittel um den Krieg, um Privates und um die Schiedsrichterei", berichtet Ittrich, der beeindruckt ist, wie die Shurmans das Leben meistern.

"Wenn man die Situation der Menschen in der Ukraine sieht, dann ordnet man eigentlich automatisch die Probleme hier in Deutschland anders ein. Das sollte zumindest jeder tun."
— DFB-Schiedsrichter Patrick Ittrich

Die Ittrichs unterstützten die Geflüchteten von Beginn an. "Für uns war es selbstverständlich zu helfen. Aber das war insgesamt nicht nur mental anstrengend", blickt der 46-Jährige zurück. Seine polnischen Wurzeln und Sprachkenntnisse halfen ihm bei der Verständigung. Mittlerweile läuft die Kommunikation auf Deutsch.

Mittlerweile haben die Shurmans in Hamburg eine Wohnung bekommen und können ein wenig durchschnaufen. "Seine Frau macht sich aber immer große Sorgen um Denys, wenn er in der Ukraine ist", erzählt Ittrich, der sich immer ärgert, wenn seine Landsleute über die vermeintlich schlechten Umstände hierzulande meckern: "Auch in Deutschland hat jeder Sorgen. Die muss man auch ernst nehmen. Aber ich denke immer: Wenn man die Situation der Menschen in der Ukraine sieht, dann ordnet man eigentlich automatisch die Probleme hier in Deutschland anders ein. Das sollte zumindest jeder tun."

Einmal Shurman und Ittrich gemeinsam im UEFA-Einsatz

Lange hielt es Shurman allerdings nicht in Hamburg. Als der ukrainische Verband - trotz der Gefahren des Krieges - den Ligabetrieb zur Saison 2022/2023 wieder aufnahm, kehrte Shurman in sein Heimatland zurück. Ihm sei es wichtig, seinen Landsleuten und nicht zuletzt den Soldaten in den schweren Stunden die Ablenkung zu verschaffen, dass sie mit ihren Lieblingsclubs mitfiebern können.

Der ukrainische Schiedsrichter Denys Shurman

Die Schiedsrichter Denys Shurman (l.) und Patrick Ittrich beim Benefizspiel in Hamburg

Shurman ist aber auch international im Einsatz, die UEFA setzt ihn im Europapokal und bei Länderspielen ein. "Einmal war ich Vierter Offizieller bei einem Spiel von ihm in Liechtenstein. Das wurde extra so angesetzt. Da haben wir uns sehr gefreut", berichtet Ittrich, der schon mit Shurman zusammengearbeitet hatte, als im Hamburger Volksparkstadion im Mai 2022 ein Benefizspiel für die Ukraine anstand.

Alltag zwischen Hamburg und Kiew

Mittlerweile ist Alltag eingekehrt in Shurmans Leben: "Natürlich sind wir wütend. Aber das hilft uns nicht. Es wäre auch nicht gut für den Kopf, jeden Tag wütend zu sein." Einmal die Woche steht für ihn eine Partie als Schiedsrichter an. Außerdem leitet er in seiner Region als Chefausbilder in Seminaren junge Schiedsrichter an.

So oft es geht, setzt er sich aber in den Bus, um Frau und Sohn in Hamburg zu besuchen. "Das sind ungefähr 1.700 km und die Reise dauert um die 24 Stunden, manchmal auch länger", berichtet der Familienvater, der die Hansestadt mittlerweile "mein zweites Zuhause" nennt.

Er sei sehr dankbar für die Unterstützung, die seine Familie erfahre. Im vergangenen Herbst musste sein Sohn, der eine Cerebralparese hat, operiert werden. Da sei es sehr beruhigend gewesen, seinen Sohn in guten Händen zu wissen.

"In Sachen Politik bin ich kein Experte"

Die Lage seines Landes verfolgt er natürlich sehr genau. "Wir alle hoffen, dass der Krieg so schnell wir möglich beendet wird." Mehr mag der Schiedsrichter nicht sagen: "In Sachen Politik bin ich kein Experte."

Der ukrainische Schiedsrichter Denys Shurman

Schiedsrichter Denys Shurman in Aktion.

Auch wenn er nicht im Militärdienst steht, versucht er, seine Liebsten im Kriegseinsatz so gut es geht zu unterstützen. Neben seinem Bruder sind das auch einige ehemalige Schiedsrichter-Kollegen und ehemalige Fußballer. "Wir wissen, gegen wen wir kämpfen. Russland ist viel größer als unser Land. Aber wir kämpfen auch drei Jahre nach Kriegsbeginn immer noch und haben unsere Unabhängigkeit."

Abgebrochenes Spiel wird im April nachgeholt

Der Krieg und damit auch der Luftalarm sind längst zur Normalität geworden. "Wenn die Sirenen ertönen, gehen alle in Deckung. Wenn der Alarm aufhört, gehen alle wieder ihren täglichen Arbeiten nach", erklärt Shurman. "Und wenn der Luftalarm vorbei ist, spielen wir weiter."

"Es ist wichtig, ein normales Leben zu leben. Wir können nicht die ganze Zeit in Angst leben."
— Denys Shurman

Im Fall des abgebrochenen Liga-Duells zwischen Krywyi Rih und Donezk mit ein paar Monaten Verspätung. Für den 16. April ist das Nachholspiel in der Oblast Dnipropetrowsk unweit der Front angesetzt. "Dann werden wir alle nach Krywyi Rih zurückkehren: die beiden Mannschaften, der Staff, wir Schiedsrichter und die Leute vom Fernsehen", blickt der Schiedsrichter voraus. 40 Minuten sind ja noch zu spielen. 40 Minuten, in denen Denys Shurman den Krieg vergessen kann: "Es ist wichtig, ein normales Leben zu leben. Wir können nicht die ganze Zeit in Angst leben."

Kurz danach will er dann auch wieder seine Familie in Hamburg besuchen. In seinem zweiten Zuhause.

Dieses Thema im Programm:
Sport aktuell | 02.04.2025 | 09:17 Uhr