Die Grindelhochhäuser auf einer Luftaufnahme (historisches Bild).

Hamburg 75 Jahre Grindelhochhäuser in Hamburg: "Flaschensammler und Akademiker"

Stand: 03.04.2025 05:00 Uhr

Heute vor 75 Jahren ziehen die ersten Mieter in Deutschlands erste Hochhaussiedlung ein. Nach einem Niedergang um die Jahrtausendwende ist das Wohnen in den Grindelhochhäusern in Hamburg heute wieder beliebt - auch wegen der sozialen Mischung.

Von Benedikt Scheper und Daniel Sprenger

Sie wirken auf den ersten Blick klobig, leicht abweisend, wie eine Stadt in der Stadt: Die zwölf Hochhäuser, die das Hamburger Grindelviertel nach Westen hin abschließen, bilden einen massiven Riegel aus gelbem Backstein. Die 8- und 14-stöckigen Bauten setzen einen deutlichen Kontrapunkt zum sie umgebenden Villenviertel mit seinen filigranen Jugendstilvillen. Die mächtigen Gebäude mit rund 2.000 Wohnungen sind eine Ikone der Hamburger Architektur - seit nun genau 75 Jahren. Gundula Schmidt-Brunn gehörte mit ihrem Mann zu den ersten, die ab dem 3. April 1950 dort einzogen - und sie lebt noch immer dort.

"Vier Wände für uns alleine": Freude über Wohnung war groß

"Totgefreut haben wir uns", erinnert sie sich im Gespräch mit dem NDR an den Moment, als die Zusage für die Wohnung kam. Sie selbst war aus Pommern geflüchtet, ihr Mann wurde in der nahegelegenen Werderstraße im Krieg ausgebombt. "Wir hatten beide ein Gepäckstück, mehr nicht". Sie habe in einem Vier-Quadratmeter-Zimmer gewohnt. "Mein Mann hatte ein Zimmer in einer Wohnung in der Magdalenenstraße. Da wohnte in jedem Zimmer eine ganze Familie, und wir hatten alle zusammen ein Bad, ein Klo und nur kaltes Wasser. Wir mussten für jedes Waschen mit einem Tauchsieder durch die Wohnung gehen", erinnert sich die 99-Jährige.

Gundula Schmidt-Brunn sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung in den Grindelhochhäusern

Für Gundula Schmidt-Brunn, die seit 75 Jahren in den Grindelhochhäusern lebt, ist das Verhältnis zu den Nachbarn heute enger als früher.

Warmes Wasser, Küche, Müllschlucker: Großer Luxus für damalige Zeit

"Wir haben dann gehört, dass man mit Flüchtlingsausweis eventuell hier unterkommt. Und dann haben wir in dem zweiten Hochhaus an der Brahmsallee eine Zweizimmerwohnung gekriegt. Vier Wände für uns alleine." Mit eigenem Bad, kleiner Küche. "Das war luxuriös mit warmem Wasser", sagt Schmidt-Brunn. Die Familie, die zu dem Zeitpunkt Zwillinge erwartete, bezog zwei Räume mit rund 45 Quadratmetern.

Die Wohnungen seien damals "ultramodern" gewesen mit den großen Fenstern, Küche, Bad und Müllschluckern. "Die haben wir mindestens 40 Jahre hier gehabt", sagt Schmidt-Brunn. Zudem herrschte rund um die Häuser ein reges Geschäftsleben. Es habe ein Modegeschäft gegeben, einen Kinderladen, eine Eisdiele. "Man konnte in ein Café gehen, eine kleine Post war da, eine Bank, ein Geschenkeladen", erinnert sich Schmidt-Brunn. "Das ist alles weg." Das sei damals einfach eine völlig andere Zeit gewesen.

Große Wohnungsnot nach dem Krieg

Baubeginn für die Grindelhochhäuser war 1946, also direkt nach dem Zweiten Weltkrieg - in Zeiten großer Wohnungsnot. "Mehr als 220.000 Wohnungen waren zerstört worden durch die alliierten Bombenangriffe - von 550.000 Wohnungen, die es vor dem Zweiten Weltkrieg in Hamburg gab", sagt Dirk Schubert, emeritierter Professor für Wohnen und Stadtteilentwicklung. Umfangreicher Neubau sei nach Kriegsende also dringend erforderlich gewesen.

Doch die Grindelhochhäuser waren zunächst gar nicht für die Bevölkerung gedacht. "Das Projekt ist nicht für Hamburger und Hamburgerinnen geplant worden, sondern für die britische Besatzungsmacht, die ihr Hauptquartier in Hamburg aufschlagen wollte", so Schubert. Doch dann bezogen die westlichen Besatzungstruppen ihr Hauptquartier in Frankfurt/Main - und so waren es anders als ursprünglich geplant keine britischen Offiziere, die ihre Umzugskisten in einem der Grindelhochhäuser auspackten, sondern vor allem Hamburger. Bis 1956 wurden 2.122 Wohnungen fertiggestellt und etwa 5.400 Menschen fanden hier ein neues Zuhause.

Dirk Schubert steht auf dem Dach eines der Grindelhochhäuser und gibt ein Interview.

Dirk Schubert hat zur Geschichte der Grindelhochhäuser geforscht. Aus seiner Sicht stellten die Bauten einen "radikalen Bruch mit der Bauweise der Vorkriegszeit" dar.

Erste Wohnhochhäuser deutschlandweit - mit "optimaler Besonnung"

Architektonisch stellen die Grindelhochhäuser "eine radikale Abkehr von der Bauweise der Vorkriegszeit und der 1920er-Jahre" dar, wie Schubert es formuliert. "Es war das erste Hochhaus-Projekt in Sachen Wohnungsbau deutschlandweit." Zwar habe es in Hamburg schon vorher Hochhäuser wie etwa das Chilehaus gegeben, doch das seien ausschließlich Bürohochhäuser gewesen. Der "Bruch mit dem Städtebau der Vorkriegszeit" zeige sich auch dadurch, dass die sieben Architekten die zwölf Baukörper in Scheiben anordneten - mit klarer Nord-Süd-Ausrichtung. Das Ziel: "eine optimale Besonnung der Wohnungen", sagt Schubert, "um eben morgens Ostsonne und abends Westsonne zu bekommen". Und auch das Baumaterial selbst war eine kleine Revolution - zumindest für Hamburg. Schubert sieht in der Wahl der gelben Klinker "eine deutliche Abkehr von der Klinkerbauweise der Vorkriegszeit, wo man in der Regel roten Klinker verwandt hat".

Leben "in Manhattan in Hamburg"

Gebaut aus einem Guss in relativ kurzer Zeit unter ganz schwierigen Umständen: Die Grindelhochhäuser hätten Maßstäbe gesetzt, meint Schubert. "Man muss sich eben vorstellen, dass drumherum hier noch große Schuttberge lagen." Mitten in die Trümmerwüste hinein sollten die Hochhäuser zunächst in Stahlbauweise errichtet werden. Das sei für Wohnhochhäuser vollkommenes Neuland gewesen. "Dann ist man davon abgegangen, weil das in der Nachkriegszeit natürlich ganz schwierig war, entsprechend viel Stahl auch zu bekommen." Als das städtische Wohnungsbauunternehmen SAGA von den Briten die Regie übernommen hat, sei man zur Stahlbetonkonstruktion übergegangen.

"Alle die, die hier eine Wohnung bekommen konnten, die konnten sich wirklich glücklich schätzen", sagt Schubert. Viele Menschen seien froh gewesen, überhaupt eine Wohnung zu finden. "Und wenn es dann noch eine Wohnung gab mit Zentralheizung, mit Müllschlucker und Fahrstuhl, war das natürlich noch mal etwas ganz Besonderes. Allerdings waren die Mieten auch höher als die damaligen Altbaumieten und entsprechend sah dann die Bewohnerstruktur aus", so Schubert.

Blick über die Stadt bis zum Hamburger Hafen von den Grindelhochhäusern aus.

Der Blick aus den oberen Etagen der Grindelhochhäuser bietet ein weites Panorama - bis zum Hafen.

Doch die Wohnungen waren aus heutiger Sicht vergleichsweise klein. Für die sehr privilegierten Mieter hätten zu Beginn aber andere Dinge gezählt - etwa der "ikonische Status dieses Wohnquartiers: Man wohnt quasi in Manhattan in Hamburg in einem Wohnhochhaus und hat diesen fantastischen Blick auf die Stadt".

Viertel im Niedergang: Müllschlucker verstopft, guter Ruf dahin

Während der Blick seit 1950 der gleiche ist, haben sich die Wohnqualität und das Image der Gebäude im Laufe der Jahrzehnte mehrfach gewandelt. In den 1970er- und 1980er-Jahren leidet der gute Ruf der Grindelhochhäuser. Die Müllschlucker sind ständig verstopft, die Bauten verfallen, ein eigenes Bad in der Wohnung ist längst kein Kriterium mehr für luxuriöses Wohnen. Die Häuser gelten für viele Hamburger als Bausünden. "Vor dem Hintergrund, dass der Wohnflächenbedarf stetig angestiegen ist und die Wohnflächen deutlich zugenommen haben im Zusammenhang mit der Wohlstandsentwicklung, ist eine Wohnung, in der damals eine Familie mit Kindern gewohnt hat, heute von Singles belegt", beschreibt Schubert die Entwicklung. Hinzu komme, dass viele Wohnungen inzwischen von Personen oder Familien mit Migrationshintergrund belegt wurden und sich dadurch die Bewohnerstruktur im Laufe der Zeit also mehrfach stark verändert hat.

Weil die Mieten mittlerweile im Vergleich günstig sind, ziehen weniger wohlhabende Menschen ein. Immer mehr Läden im Erdgeschoss schließen. In den 1990er-Jahren investiert die SAGA, der zehn der zwölf Häuser gehören, eigenen Angaben zufolge 75 Millionen D-Mark. Auch ein weiteres Haus, das die Hamburger Presse damals als "Horrorhaus" tituliert, findet einen neuen Investor.

Langzeit-Bewohnerin Gundula Schmidt-Brunn erinnert sich an diese Phase. "Eine Zeit lang um die Jahrtausendwende, wo es alles sehr runterkam, da war es schon beunruhigend." Doch dann seien die Häuser wieder aufgemöbelt worden - "und ich bin immer nicht ausgezogen".

Wohnungen wieder begehrt - Viertel war seiner Zeit voraus

Die Sanierungsarbeiten tragen Früchte. Seit 2000 stehen die Häuser zudem unter Denkmalschutz. Mittlerweile hat sich das Bild vom Leben in den Grindelhochhäusern wieder gewandelt, Wohnungen hier sind begehrt. Die durchschnittliche Miete liegt bei 8,70 Euro pro Quadratmeter - für eine derartig zentrale Lage sagenhaft günstig.

Langjährige Mieter wie Heiner Haßlöwer schwärmen von ihrer tollen Wohnlage - und der sozialen Durchmischung. "Besonders schön finde ich, dass wir hier in einem Haus wohnen, in dem es unterschiedliche Menschen gibt, vom Flaschensammler bis zum Akademiker." Weitere Pluspunkte seien neben der zentralen Lage auch die grüne Umgebung und eine nicht so anonyme Nachbarschaft, wie man angesichts der langen Flure auf 14 Stockwerken denken könnte. "Man kennt die meisten Leute hier im Haus", sagt Haßlöwer.

Die frühere Tankstelle vor den Grindelhochhäusern in Hamburg.

In dieser ehemaligen Tankstelle befindet sich heute ein Blumenladen. Mit der Infrastruktur des täglichen Bedarfs direkt im Komplex sei das Bauprojekt auch heute noch ein Vorbild, meint Experte Schubert.

Aus städteplanerischer Sicht seien die Grindelhochhäuser ihrer Zeit voraus gewesen - beziehungsweise würden darin verbaute Elemente heute eine Renaissance erleben, meint Dirk Schubert. "Das war ja ein Viertel, das die ganze Infrastruktur für den alltäglichen Bedarf bis hin zur Tankstelle und Tiefgarage schon integriert hatte - aus heutiger Sicht vorbildlich." Wenn man so viele Wohnungen auf so wenig Fläche unterbringen müsse, sei das auch ein Modell für aktuelle Neubausiedlungen.

Langzeit-Mieterin Schmidt-Brunn lobt großes Miteinander

Gundula Schmidt-Brunn wird weiterhin nicht ausziehen - auch mit fast 100 Jahren. Direkt vor ihrem Fenster, wo die großen Bäume ihr erstes Grün bekommen, wird sie an den Wandel erinnert, den die Grindelhochhäuser seit ihrer Erbauung erlebt haben. "Dort wo heute ein Park ist, da war damals alles eine einzige große Pfützenlandschaft. Da war überhaupt nichts, keiner von den ganzen Bäumen."

Und noch eine Sache habe sich stark verändert seit ihrem Einzug. Früher hätten sich unter den Erstmietern "nachbarschaftliche Freundschaften per Sie" ergeben, also recht förmlich, "immer so mit einem gewissen Abstand". Heute hingegen sei das "fantastisch". Denn das ganze Haus kümmere sich um sie. "Der eine sagt: Kann ich was einkaufen? Der andere: Kann ich was tun? Also es ist ein großes Miteinander."

Dieses Thema im Programm:
NDR Info | Aktuell | 03.04.2025 | 09:37 Uhr