Daniel Kehlmann testet KI "Mein Algorithmus und ich"

Stand: 10.02.2021 12:02 Uhr

Was passiert, wenn man künstliche Intelligenz dichten lässt? Auf dieses Experiment hat sich der Literat Daniel Kehlmann eingelassen. Die frohe Kunde: KI wird ihn auf absehbare Zeit nicht ersetzen.

Daniel Kehlmann bringt es relativ früh auf den Punkt, im Livestream des Stuttgarter Literaturhauses an diesem Abend: "Um es gleich vorwegzunehmen: Das Ziel unseres Experimentes wurde nicht erreicht", sagt der Schriftsteller. Aber es ist keine Enttäuschung in seiner Stimme, sondern schiere Faszination. Denn dieses Experiment, es war kein gewöhnliches. Anfang 2020 reiste der Schriftsteller nach Palo Alto ins Silicon Valley, mit dem Auftrag, CTRL kennenzulernen, eine künstliche Intelligenz.

Einen Schriftsteller aus Fleisch und Blut auf eine Intelligenz aus Platinen und Algorithmen treffen zu lassen, das, so dachte man sich, sei doch eine feine Sache, berichtet Kehlmann, ein Experiment zwischen menschlichem Bewusstsein und technischer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Könnten diese beiden zusammen einen Roman schreiben? Oder, wie Kehlmann es formuliert: "Kann ein Algorithmus Geschichten erfinden?"

Der Poet und die Maschine

Daniel Kehlmann ist ein weltbekannter Autor, sein Roman "Die Vermessung der Welt" gilt als einer der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur. Warum will so jemand mit einer Maschine zusammenarbeiten, einem "Wesen ohne Innenleben", wie Kehlmann es selbst bezeichnet?

Es wird die Neugierde gewesen sein, das blickt bei Kehlmanns Vortrag in Stuttgart immer wieder durch, außerdem die Faszination für Zukunftsthemen und vielleicht, aber das ist nur eine Vermutung, vielleicht auch ein wenig die Sorge: Kann diese Maschine, was ich kann?

Dabei ist ihm früh klar: Nein, sie kann nicht. Denn wo der Mensch mit Absicht handelt, mit einem Bewusstsein, generiert der Algorithmus Sprache rein aufgrund von Wahrscheinlichkeiten. Formuliert der Mensch den Satz "Ich gehe.", so sagt er dies aufgrund seines grammatikalischen Wissens. Er hat gelernt, dass nach "ich" ein Verb kommen muss. Und zwar eines in der ersten Person Singular. Dem Algorithmus sind diese Regeln fremd. Er ist ein unfassbar großer Speicher, gefüttert mit Abermilliarden an Texten. Aufgrund dieser Datengrundlage errechnet der Algorithmus die Wahrscheinlichkeit dafür, welches Wort nach "Ich" stehen könnte. Und das ist sehr viel wahrscheinlicher "gehe" als "Auto".

KI ist weder HAL noch C3PO und "eher Kafka als Dickens"

Kehlmann weiß: "Künstliche Intelligenz ist ein Zweitverwerter. Alles, was sie tun kann, speist sich aus der vom Internet verfügbar gemachten Tätigkeit unzähliger Menschen." Doch obwohl er sich dieser Mechaniken bewusst war, so der Schriftsteller, habe er sich zu Beginn dieses Experiments erst einmal von alten Vorstellungen von KI verabschieden müssen: "Ich hatte mir künstliche Intelligenz doch immer wie den Androiden C3PO oder wie den narzisstischen Supercomputer HAL vorgestellt - als ein menschliches Wesen in metallischer Kleidung, als eine Person im Kostüm."

Mit dieser Un-Person wagt Kehlmann nun das Schreib-Experiment. Auf Englisch, denn die meisten Texte, mit denen der Algorithmus gefüttert wurde, sind in eben dieser Sprache verfasst.
Kehlmann beginnt einen Dialog:

It was a beautiful day in summer.

Und die künstliche Intelligenz schreibt weiter:

The sun shone brightly on the green grass and flowers of the garden, but there were no birds to sing or insects to hum.

"Eine unheimliche Note” habe CTRL durch diesen Satz in die Geschichte gebracht, kommentiert der Schriftsteller aus Fleisch und Blut, wie er überhaupt fasziniert zu sein scheint, ob der zufällig, nur durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen entstehenden Dialoge zwischen ihm und dem Algorithmus. Und gleichzeitig ernüchtert - denn länger als ein paar Seiten währt das Schreibexperiment nie, bricht oft schon nach wenigen ausgetauschten Sätzen ab: "CTRL ist ein Freund des Fragmentes und des Surrealen, eher Kafka als Dickens; mehr als eine Seite macht CTRL nicht", so Kehlmann.

Jenseits des Englischen wird es oft skurril

Michael Resch wundert das nicht. Er ist der Direktor des Höchstleistungsrechenzentrums in Stuttgart und nimmt an der Diskussion teil, die sich an Kehlmanns Zukunftsrede anschließt. Eine Maschine sei eben kein planvolles Wesen, das eigene Absichten verfolge - anders als der Mensch. Und das würde sich auch nicht ändern, wenn die Rechnerleistung erhöht würde: "Mit dem Ansatz, alles in Wahrscheinlichkeiten auszudrücken, kann man bis zu einem gewissen Grad modulieren, was zwischen Menschen geschieht, aber wenn ich versuche, mit diesem Modell die Realität abzubilden, dann laufe ich gegen die Wand, das ist immer so. Kommunikation auf statistischer Auswertung fortzusetzen, da hilft Rechenleistung nur begrenzt, denn an einem bestimmten Punkt verfügt der Rechner nicht mehr über die notwendige Fähigkeit, sinnvollen Kontext zu erstellen."

Und es gibt noch weitere Beschränkungen. Denn zwar ist der Algorithmus in der Lage, in jeder gewünschten Sprache zu schreiben, jedoch fallen Versuche jenseits des Englischen oft skurril aus, einfach aufgrund der ungenügenden Datenlage.

So schreibt Kehlmann auf Deutsch:

"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen"

Und der Algorithmus setzt fort: 

"Die ZEIT: Sie haben sich in den letzten Jahren mit der AfD besch@@."

"Als spräche man mit einem Verrückten, der luzide Momente hat" - Daniel Kehlmann ist fasziniert. Aber auch ernüchtert. Denn dieses Experiment bleibt eben dies: ein Experiment. Und der Ausflug in die Zukunft einer, den der Autor nicht missen möchte.

"Ich habe mitangesehen, wie nichtmenschliche Intelligenz aus der dunklen Tiefe ihrer statistischen Abschätzung, in der vielleicht fernen Tages auch einmal Bewusstsein glimmen wird, tatsächlich konsistente Sätze entstehen", so Kehlmann am Abend im Livestream des Stuttgarter Literaturhauses. Und: "Es ist schon etwas Zauberisches an diesem Schauspiel, und zwar jedes Mal."

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete SWR2 am 10. Februar 2021 um 06:00 Uhr.