Werksgelände des Hüttenwerks Krupp Mannesmann (HKM).

Umdenken in der Politik Deutscher Stahl für deutsche Sicherheit?

Stand: 30.03.2025 11:20 Uhr

Seit Jahren steckt die deutsche Stahlindustrie in einer tiefen Krise. Doch jetzt zwingt die Weltlage Deutschland zur Aufrüstung - steigt gar der Staat direkt bei Unternehmen ein?

Von Kai-Hendrik Haß und Laura Kasprowiak, WDR

Die deutsche Stahlindustrie steht seit Jahren unter Druck: Billige Importe aus China, explodierende Energiepreise und die Umstellung auf Wasserstoff. Die Folge: Seit Jahrzehnten sinkt die Zahl der Beschäftigten in Deutschland dramatisch. Waren es 1990 noch rund 175.000 Jobs im Stahl, sind es heute nur noch gut 78.000.

Die derzeitige Entwicklung der Welt könnte den Umschwung bedeuten. "Wir brauchen eine Verteidigungsarmee. Und wenn du eine Verteidigungsarmee gut aufstellen willst, brauchst du auch Stahl", sagt der frisch für die Linkspartei in den Bundestag gewählte Abgeordnete Mirze Edis. Diese Worte aus dem Mund eines bekennenden Linken?

Stahlhersteller kämpft ums Überleben

Vielleicht kann man auch daran die Zeitenwende ermessen. Denn Rüstungsexporte lehnen die Linken kategorisch ab und stehen eigentlich auch der Aufrüstung der Bundeswehr eher kritisch gegenüber. Aber Mirze Edis ist in der Zwickmühle.

Der 53-Jährige arbeitet neben seinem Job als Politiker auch im Betriebsrat des Stahlhersteller Hüttenwerke Krupp Mannesmann, kurz HKM, aus Duisburg. Das Unternehmen kämpft gerade ums Überleben. Auch Rüstungsstahl könnte dabei helfen.

Mirze Edis, der Sohn eines türkischen Gastarbeiters stammt ursprünglich aus Anatolien und ist mit drei Jahren nach Duisburg gezogen. Er ist eng mit der Stadt verbunden - und mit dem Unternehmen HKM. Seine Kollegen aus dem Werk fühlen sich für ihn an wie Familie. Der Konzern gehört zu  den größten Stahlproduzenten in Deutschland.

Staatseinstieg als Lösung?

Doch die Hälfte des Unternehmens gehört Thyssenkrupp und der Konzern möchte seine Stahlsparte abstoßen. HKM könnte dabei unter die Räder kommen. Mehr als 3.000 Jobs stehen auf dem Spiel, wenn sich kein neuer Investor findet. "An jedem Stahlarbeitsplatz hängen fünf bis sechs weitere - das ist der Imbiss, die Trinkhallen, der Friseursalon", sagt Edis. In Berlin möchte er sich dafür stark machen, dass der Staat Verantwortung übernimmt und bei HKM einsteigt. Ein Staatseinstieg sei für ihn die Lösung.

Regionen wie das Ruhrgebiet in NRW oder das Saarland hängen noch immer am Stahl. Die Frage: Ist der deutsche Stahl so relevant, dass der Staat ihn retten muss? Umstritten - aber immer wieder ein Thema. Beispiele gibt es, auch aus anderen Branchen: Seit Jahren ist das Land Niedersachsen an Volkswagen und dem Stahlhersteller Salzgitter beteiligt. Während der Coronakrise hat der Bund die Airline Lufthansa gerettet und aktuell ist er übergangsweise beim Energieunternehmen Uniper und der Meyer Werft eingestiegen.

Ökonom Truger sieht Chancen für den Staat

Der Ökonom Achim Truger berät als einer der Wirtschaftsweisen die Bundesregierung. Der SPD-nahe Ökonom kann sich durchaus vorstellen, dass eine Beteiligung des Staates an angeschlagenen Stahlunternehmen wie HKM sinnvoll sein könnte. "Wenn man in einer schwierigen Lage einsteigt, dann könnte man eine gesellschaftliche Rendite erzielen. Insofern, dass Arbeitsplätze gerettet werden, dass eine ganze Region über Wasser gehalten wird", sagt er. Und das könne sich dann gesamtgesellschaftlich rechnen.

Eine Perspektive, die nicht alle Ökonomen teilen. Justus Haucap von der Universität in Düsseldorf befürchtet, dass der Staat vielleicht kurzfristig helfen könne, sich daraus aber schnell finanziell ein Fass ohne Boden entwickeln könnte. Und nicht nur das: "Es führt nicht dazu, dass man besonders innovativ und effizient ist, weil man ja weiß, wenn es schief läuft, werde ich schon aufgefangen", erklärt Haucap seinen Standpunkt.

Neue geopolitische Lage

In die Bewertungen fließt auch immer die geopolitische Lage ein. Seit dem Krieg in der Ukraine und der Abkehr der USA von Europa muss Deutschland verstärkt für sich selbst sorgen. Zölle und gestörte Lieferketten verschärfen die Situation. Die Bundesregierung steht unter Druck, Arbeitsplätze in der Industrie zu erhalten.

Roderich Kiesewetter ist Verteidigungsexperte der CDU. Er hat als ehemaliger Oberst tiefe Einblicke in die militärischen Strukturen. Eine strategische Kooperation zwischen der Verteidigungspolitik und der Stahlbranche könnte aus seiner Sicht als wirtschaftspolitisches Instrument genutzt werden.

Kräfte bündeln

Kiesewetter hält Stahl für systemrelevant. "Stahl ist urnotwendig, um unsere zivile Infrastruktur kriegstüchtig zu machen. Oder um für die Streitkräfte ausreichend Ressourcen zu haben." Nicht nur bestünden Panzerhaubitzen und Raketen daraus, auch für Flugabwehrsysteme und Drohnen werde der Rohstoff benötigt.

Der 61-Jährige geht sogar noch einen Schritt weiter. Sein Appell: Eine gemeinsame deutsche Stahlproduktion. "Auch aufgrund der Gefahr, dass die deutsche Stahlerzeugung nicht mehr konkurrenzfähig wird oder aus dem Ausland aufgekauft wird, ist es bestimmt für eine bestimmte Übergangszeit notwendig zu prüfen, ob wir nicht eine deutsche Stahl AG mit staatlicher Beteiligung gründen", schlägt der CDU-Politiker vor.

Dillinger Hütte produziert zertifizierten Panzerstahl

Eine deutsche Stahl AG als Zulieferer für die boomende deutsche Rüstungsindustrie? Die Dillinger Hütte im Saarland ist Europas größtes Grobblechwerk. Seit 2021 produziert das Traditionsunternehmen zertifizierten Stahl für Panzerbleche. Technikchef Peter Maagh ist stolz auf dieses Alleinstellungsmerkmal: "Die Unabhängigkeit und der strukturelle Wert einer eigenen Stahlerzeugung, ist allen bewusst geworden und es ist auch so, dass wir der einzige Stahlerzeuger sind, der zertifiziert ist bei der Bundeswehr."

Stahl, den der Konzern Rheinmetall benötigt. Die Düsseldorfer Rüstungsschmiede verzeichnet Rekordgewinne, der Aktienkurs ist in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Momentan bezieht Rheinmetall einen Großteil des Stahls aus Schweden. Konzernchef Armin Papperger sagt, Rheinmetall benötige rund 250.000 Tonnen pro Jahr - Tendenz steigend.

"In den letzten Jahren war die Qualität nicht mehr verfügbar - vor allem der Panzerstahl. Wir qualifizieren die Stahlhersteller langsam wieder und dann würden wir gerne wieder aus Deutschland kaufen", sagt der Rheinmetall-CEO. Aber natürlich müsste der deutsche Stahl auch konkurrenzfähig sein. Man könne jetzt nicht sagen: "Dann zahlen wir jetzt das Dreifache - denn unser Kunde akzeptiert die höheren Preise auch nicht", sagt Papperger.

Aufrüstung um jeden Preis?

Deutschland kommt an einer Aufrüstung wohl nicht vorbei. Anfang 2025 verfügte die Bundeswehr über noch nicht einmal 300 Kampfpanzer. Zum Vergleich: Allein Russland konnte im gleichen Zeitraum auf über 5.750 solcher Fahrzeuge setzen.

Also: Aufrüstung um jeden Preis? Müsste der Staat nicht jetzt seine eigene Stahlindustrie aktiv fördern, Absatzgarantien geben oder sich sogar an den Produzenten beteiligen? Der Wirtschaftsweise Achim Truger hält es zumindest nicht für schlau, den Stahl in Zeiten globaler Konflikte von irgendwoher zu beziehen. Denn wenn man nicht wüsste, wo das Material letztlich herkomme, wäre das suboptimal - welcher Lieferant ist Feind, welcher Handelspartner?

Thyssenkrupp schließt Staatsbeteiligung aus

Die EU hat gerade ein neues Unterstützungsprogramm für den Stahl aufgelegt. EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné hat den milliardenschweren Aktionsplan am vergangenen Donnerstag bei Thyssenkrupp in Duisburg vorgestellt: Geringere Energiesteuern und der Schutz gegen subventionierte Billigstahlimporte standen weit oben auf der Agenda.

Eine Staatsbeteiligung, wie sie einige Experten fordern, schließt Thyssenkrupp momentan aus. Der Konzern konzentriert sich im Stahlbereich seit einiger Zeit auf Bleche für die Autoindustrie, Haushaltsgeräte oder Verpackungen. Vor knapp vier Jahren hat der Konzern sein Grobblechwerk in Duisburg-Hüttenheim geschlossen. Heute würde Thyssenkrupp das vielleicht überdenken.

Zwar kann die Rüstungsbranche den deutschen Stahl nicht alleine retten. Aber angesichts der Bedrohung Russlands und der Unberechenbarkeit der USA könnte sich Deutschland mit einer starken Stahlindustrie unabhängiger machen - und verdienen ließe sich damit in Zukunft wohl schon ganz gut.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Plusminus am 26. März 2025 um 21:45 Uhr.