Italienische Zeitung "Il Foglio"

Experiment in Italien Wenn KI die Zeitungsseiten füllt

Stand: 05.04.2025 08:18 Uhr

Die italienische Tageszeitung Il Foglio lässt einen Teil ihrer Ausgaben von Künstlicher Intelligenz schreiben. Der Chefredakteur will damit eine Debatte anstoßen, Kritiker warnen.

Journalisten formulieren ein Thema, den Rest übernimmt die Künstliche Intelligenz: Nach diesem Prinzip füllt die italienische Zeitung Il Foglio seit dem 18. März jeden Tag vier Seiten, die sie der traditionellen Ausgabe beilegt. Da geht es um Statistiken zur Wirtschaftsentwicklung, um Donald Trumps politischen Kurs oder um die Haltung der Regierung von Giorgia Meloni zum Ukraine-Krieg,

Der Chefredakteur von Il Foglio, Claudio Cerasa, behauptet nicht, dass es etwas völlig Neues wäre, dass eine KI journalistische Texte schreibt. Doch "Il Foglio" sei weltweit das erste Medium, das solche Texte nicht nur online veröffentlicht, sondern ganz traditionell auf Papier druckt.

"Wir müssen beweisen, was wir gut können"

Einer Vermutung widerspricht Cerasa ausdrücklich: Weder ihm als Chefredakteur noch den Betriebswirten im Verlag gehe es darum, Arbeitskraft von Journalistinnen und Journalisten einzusparen. Das Ziel sei ein ganz anderes: Die Zeitung wolle herausfinden, "welche Grenzen KI im Journalismus überwinden kann und welche nicht".

Das Projekt soll bis in die zweite Aprilhälfte laufen, eine Zwischenbilanz lasse sich aber schon ziehen, sagt Cerasa: Mit KI erstellte Texte lesen sich seiner Ansicht nach durchaus wie professionelle Zeitungsartikel und fügen sich ins Gesamtbild der Zeitung gut ein, die sehr wenig auf Bilder und Grafiken setzt und stark auf Texte. Und Cerasa findet, dass sich jetzt bereits zeigt: Damit von Menschen geschriebene Texte für die Leser einen Mehrwert gegenüber KI-generierten Artikeln haben, müsse sichtbar sein, dass darin Fähigkeiten stecken, über die nur Menschen verfügen. "Wir müssen beweisen, was wir gut können, damit wir nicht durch eine Maschine ersetzbar sind."

Italienische Tageszeitung "Il Foglio"

Provokant: In ihrer Ausgabe vom 18. März 2025 kündigt die Zeitung "Il Foglio" ihr KI-Experiment an.

Humor findet nicht statt

Das Experiment der Zeitung mit Sitz in Rom sorgt in Italiens Medienszene für große Aufmerksamkeit. Alessio Jacona, KI-Fachmann der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, gesteht den KI-generierten Texten zu, dass sie recht gut lesbar und faktentreu sind. Aber in einer ANSA-Podcast-Folge kritisiert er, dass menschliche Elemente fehlten, wie Einordnung und Humor.

Die Humorlosigkeit der KI überrasche ihn aber nicht, erklärt Jacona. Denn sie sei zwar in der Lage, Texte zu generieren, die sich so lesen, als ob dahinter eine gewisse Nachdenklichkeit stehe. Doch in Wirklichkeit könne eine KI nicht vom Grundprinzip der Algorithmen abweichen, die Wörter nach statistischen Regeln sortieren: "Und deswegen ist sie nicht fähig, Humor zu erfassen."

Keine investigativen Berichte

Andrea Garibaldi vom italienischen Journalisten-Netzwerk "Professione Reporter" hat noch einen weiteren Kritikpunkt: KI sei nicht in der Lage, Dinge ans Licht zu bringen, von denen Verantwortungsträger lieber möchten, dass sie im Verborgenen bleiben. "Ihr gelingen keine Scoops."

Garibaldi, der nach einer Karriere bei mehreren großen italienischen Zeitungen einen Lehrauftrag an der Universität LUMSA in Rom hat, sieht in dem Experiment von "Il Foglio" vor allem eines: "Eine Provokation". Aus dieser Provokation könne der Journalismus international aber möglicherweise wertvolle Lehren ziehen. Und Garibaldi hofft ebenso wie der "Il Foglio"-Chefredakteur Cerasa auf eine fruchtbare Debatte darüber, was Journalismus in Zukunft leisten sollte.

"Eine große Marketing-Operation"

Der Journalistik-Dozent sieht aber auch einen wirtschaftlichen Aspekt in dem KI-Experiment. Die vergleichsweise kleine Zeitung sei selbst in Italien nicht allzu bekannt, und erst recht nicht im Ausland. Jetzt aber werde quer über die Kontinente über die KI-generierten Zeitungsseiten berichtet und diskutiert, stellt Garibaldi fest: "Das ist eine große Marketing-Operation."

Der Chefredakteur von Il Foglio, Claudio Cerasa, macht kein Geheimnis daraus, dass ihn die zusätzliche Aufmerksamkeit für seine Zeitung freut. Die Auflage, die Cerasa auf 29.000 beziffert, sei um mehr als die Hälfte gestiegen, auch habe "Il Foglio" viele neue Abonnenten gewonnen. Cerasa hält es aber für legitim, wenn Medien auch mit solchen Ideen ihr Publikum ausweiten.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. März 2025 um 09:40 Uhr.