
Schleswig-Holstein Schnelle Hilfe: Telenotarzt startet in Schleswig-Holstein
Telenotärzte sollen per Video unterstützen, wenn Rettungsteams vor Ort an Grenzen stoßen. Mitte Mai startet in Schleswig-Holstein eine mehrmonatige Testphase.
Notfallsanitäter Oke Reichel steht im Rettungswagen neben dem Patienten, sein Kollege misst den Blutdruck - routiniert und konzentriert. Der Patient ist stabilisiert, klagt aber über starke Schmerzen am Sprunggelenk. Um wirksamere Medikamente zu verabreichen, braucht es ärztliche Zustimmung.
Reichel greift zum Handy, öffnet eine App - und startet einen Videoanruf. Sekunden später erscheint auf dem Bildschirm ein Gesicht. Der Telenotarzt meldet sich aus der Rettungsleitstelle in Kiel. Per Video wird die Lage vor Ort besprochen, die Daten des Patienten werden an den Arzt weitergereicht und eine Entscheidung getroffen.
Noch ist dieser Einsatz nur eine Übung. Der Patient ist nicht echt, die Situation simuliert. Oke Reichel ist einer von vielen Notfallsanitätern, die aktuell in Lübeck und Kiel für den digitalen Notarzt-Einsatz geschult werden - in Technik, Kommunikation und der Zusammenarbeit mit dem Telenotarzt.

Notfallsanitäter oke Reichel kontaktiert einen Telenotarzt per Videoanruf.
Telenotarzt in Schleswig-Holstein: Neues System für leichte Notfälle
Ab Mitte Mai wird es dann ernst: Dann startet in Schleswig-Holstein eine halbjährige Testphase für den Telenotarzt-Einsatz. In den Leitstellen in Kiel und Lübeck wurden dafür neue, speziell ausgestattete Arbeitsplätze geschaffen. Von hier aus unterstützen 40 Notärztinnen und Notärzte künftig digital in den Kreisen Herzogtum Lauenburg, Ostholstein, Plön und Stormarn sowie in den Städten Flensburg, Kiel, Lübeck und Neumünster.
32 Rettungswagen sind zum Start mit dem System ausgestattet, langfristig sollen alle 241 Fahrzeuge in diesem Gebiet nachgerüstet werden. Ziel ist es, die Notfallversorgung effizienter zu gestalten - und die knappen Ressourcen gezielter einzusetzen.
Finanziert wird das Telenotarztsystem durch die gesetzlichen Krankenkassen - wie auch das klassische Notarztsystem. Wie viel die technische Ausstattung pro Rettungswagen kostet, das veröffentlicht die Integrierte Regionalleitstelle in Kiel nicht. Technisch umgesetzt wird das System von der Firma Corpuls. Das bayerische Medizintechnikunternehmen hatte die europaweite Ausschreibung gewonnen.
So funktioniert der Einsatz vom Telenotarzt
Der Ablauf ist klar definiert: Sobald eine Situation medizinischen Rat erfordert, aber kein Notarzt vor Ort ist, kann das Rettungsteam den Telenotarzt per App zuschalten. Über eine gesicherte Leitung wird eine direkte Videoverbindung aufgebaut. Gleichzeitig übermitteln die Geräte im Rettungswagen automatisch Vitaldaten des Patienten oder der Patientin, wie EKG oder Sauerstoffsättigung in Echtzeit auf den Bildschirm des Notarztes.
Der Telenotarzt kann die Lage einschätzen, Medikamente freigeben, Maßnahmen anleiten. Für eine stabile Datenverbindung sorgt ein speziell entwickelter Router im Fahrzeug. Und auch in der Leitstelle wird unter kontrollierten Bedingungen gearbeitet. "Das sind hochsensible Patientendaten, die wir hier verarbeiten. Wir hängen hier in der Leitstelle an einer guten Notstromversorgung. Wir haben gesicherte Datenleitung hier", erklärt Dr. Niels Renzing. Er hat das Projekt die letzten drei Jahre begleitet und mit auf die Beine gestellt. Und er versichert: Der Telenotarzt ist eine Ergänzung, kein Ersatz.
Wo es keine Hände braucht, sondern den ärztlichen Rat – das heißt leichtere Fälle vor Ort - da kommen wir zum Einsatz."
— Dr. Niels Renzing, stellvertretender ärztlicher Leiter Rettungsdienst Kiel
Wie im simulierten Beispiel von Notfallsanitäter Oke Reichel, der auf eine Sprunggelenksverletzung traf. Der Telenotarzt kommt per Video hinzu, wenn zum Beispiel stärkere Schmerzmittel nötig sind - bei schweren Notfällen ist weiterhin ein klassischer Notarzt vor Ort.

Dr. Niels Renzing sitzt am neu eingerichteten Arbeitsplatz für Tele-Notärzte in der Regionalleitstelle Kiel.
Entlastung für den Rettungsdienst - und für die Notärzte
Gerade in ländlichen Regionen mit längeren Wegen, bei schlechtem Wetter oder mehreren Einsätzen gleichzeitig kann der Telenotarzt wertvolle Zeit sparen - und die Notfallversorgung flexibler gestalten. „Wir haben einfach eine zusätzliche Hilfe und Möglichkeit, wo wir uns noch rückversichern können, ohne einen Notarzt auf dem Fahrzeug zu binden oder dass der sogar zum Patienten kommen muss“, sagt Notfallsanitäter Oke Reichel.
Damit reagiert das System auch auf eine Entwicklung, die eine Studie der Fachhochschule Kiel aufzeigt: Bis 2040 wird die Zahl der Notfalleinsätze in Schleswig-Holstein voraussichtlich um mehr als 50 Prozent steigen - vor allem durch die alternde Bevölkerung. Laut der Rettungsdienststatistik Schleswig-Holstein wurden im Jahr 2023 insgesamt 399.486 Einsätze mit Rettungswagen verzeichnet.
Allein über 90-Jährige rufen den Rettungsdienst sechsmal häufiger als 70- bis 75-Jährige. Das Telenotarztsystem soll helfen, den steigenden Bedarf zu bewältigen - und dem drohenden Notarztmangel entgegenzuwirken.
Wo das Telenotarzt-System startet
Die beiden Telenotarztzentralen in Kiel und Lübeck decken ab Mai den Osten Schleswig-Holsteins ab - mit den Städten Kiel, Lübeck, Flensburg, Neumünster und den Kreisen Ostholstein, Plön, Stormarn und Herzogtum Lauenburg. Der Westen des Landes, darunter etwa die Kreise Dithmarschen, Steinburg, Rendsburg-Eckernförde und Segeberg, wird separat von der Rettungsdienst Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) betreut - dort gibt es bereits eine eigene Telenotarztzentrale in Pinneberg, die ab Sommer starten soll. Nicht angebunden sind derzeit die Kreise Nordfriesland und Schleswig-Flensburg.
Noch ist das System im östlichen Schleswig-Holstein im Aufbau. Die ersten echten Einsätze mit Telenotärzten starten Mitte Mai. Bis dahin wird geprobt, geschult, verbessert. "So können Notärztinnen und Notärzte gezielter eingesetzt werden", sagt auch eine Sprecherin der Stadt Kiel. Sie erwartet durch den Telenotarzt eine spürbare Entlastung des Notarztsystems.
Dieses Thema im Programm:
NDR Fernsehen | Schleswig-Holstein Magazin | 04.04.2025 | 19:30 Uhr