
Schleswig-Holstein 70 Jahre Bonn-Kopenhagener Erklärungen
Am 29. März 1955 endete der deutsch-dänische Grenzkampf. Das friedliche Zusammenleben von Mehr- und Minderheiten im dortigen Grenzland gilt inzwischen als Modell für Europa.
Ein Protokoll, dazu zwei Erklärungen, insgesamt vier luftig beschriebene Blätter - einmal auf Dänisch, einmal auf Deutsch. So wenig Papier reichte vor 70 Jahren, um die Minderheitenprobleme im deutsch-dänischen Grenzland zu überwinden. Mit den Feiern in Bonn am 29. März 1955 endete der deutsch-dänische Grenzkampf. Die einfachen Regeln und Zusagen entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem Modell für das friedliche Zusammenleben von Mehr- und Minderheiten in Europa. Obwohl es sich um separate Papiere handelt, in denen zwei Regierungen je für sich festschreiben, wie sie mit der Minderheit im eigenen Land umgehen wollen, wirken die Erklärungen bis in die Gegenwart. Das zeigte sich zum Beispiel im Jahr 2012. Damals wurden in Schleswig-Holstein die Zuschüsse für die dänischen Minderheitsschulen gekürzt. Der Hinweis auf die Erklärungen war Grund dafür, dass die dänischen Schulen wenig später wieder den deutschen Regelschulen gleichgestellt wurden.
"Wir sind nicht umgezogen, sondern die Grenze"
Nationale Minderheiten sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Sie entstanden dort, wo es unterschiedliche Kulturen und Sprachen gab. Ort, Beruf, soziale Stellung, Stadt oder Land und der Anlass bestimmten im Herzogtum Schleswig lange, ob Friesisch, Plattdeutsch, Plattdänisch (Sønderjysk) oder Hochdeutsch oder -dänisch gesprochen wurde. Die Mehrsprachigkeit war normal. Das änderte sich erst, als die Hochsprachen zur Klammer für die neuen "Nationen" genannten Staatsgebilde wurden. Es wurden Staatsgrenzen gezogen und auch verschoben. Nach dem Sieg über Dänemark 1864 nahm Preußen das gesamte alte Herzogtum Schleswig ein - bis zur Wiedau und Königsau. Damit gab es über Nacht eine sehr große dänische Minderheit. Als die Grenzlandabstimmung 1920 die Grenze nach Süden bis auf die Höhe Flensburgs verschob, verblieb in Nordschleswig eine deutsche Minderheit. Hinrich Jürgensen, Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), fasst die ganze Geschichte in einen Satz: "Wir sind nicht umgezogen, sondern die Grenze".
Der Traum vom Glück in Dänemark
Dann kam der Zweite Weltkrieg. Nach seinem Ende wurden die Dänen gefragt, ob sie ihre Ansprüche erneuern wollten. Aus Kopenhagen kam jedoch ein klares Nein: "Danmarks Grᴂnser ligger fast" - die dänische Grenze liegen fest. Trotzdem wuchs im Landesteil Schleswig der Wunsch, dänisch zu werden. Die Gründe lagen für viele auf der Hand: Schleswig-Holstein war von Flüchtlingen überlaufen - ein Vertriebener kam damals auf zwei Einheimische. Es wurde gehungert und gefroren, die Wirtschaft lag darnieder, nichts funktionierte. Der Blick über die Grenze wirkte da auf viele Menschen fast wie ein Ausflug ins Paradies: Dänemark war strukturiert, sozial, demokratisch und niemand musste hungern oder frieren. Die Vereine der dänischen Minderheit konnten sich vor Interessenten kaum retten. Der Südschleswigsche Verein (SSF) hatte am Kriegsende 2.700 Mitglieder, 1947 waren es fast 70.000. Und: 1947 erreichte die dänische Minderheit bei den Landtagswahlen über neun Prozent. "Speckdäne" wurde nun auf Häuser gepinselt, der Zulauf zur Minderheit kritisiert als "Neudänische Bewegung".

Die Titelseite des "Nordschleswigers" nach der Unterzeichnung.
Sperrklausel macht Minderheit zu schaffen ...
1950 kam es in Schleswig-Holstein zum Regierungswechsel. Die CDU landete zwar nur auf dem dritten Platz, schaffte es aber durch eine Koalition gemeinsam mit dem stärkeren "Bund für Heimatvertriebene und Entrechtete", die SPD-Regierung abzulösen. 1951 wurde Friedrich-Wilhelm Lübke Ministerpräsident. Der CDU-Politiker setzte im Landtag durch, die Sperrklausel von 5 auf 7,5 Prozent zu erhöhen. Damit war die dänische Minderheit - vertreten durch den SSW - raus aus dem Landtag in Kiel. Doch schon 1952 kippte das Bundesverfassungsgericht wieder die 7,5-Prozent-Hürde. Es galt ab sofort wieder die Fünf-Prozent-Hürde. Doch auch die konnte der SSW 1954 nicht mehr überspringen.

Die Südschleswiger forderten ein Selbstbestimmungsrecht.
... und wird zum europäischen Politikum
Die deutsche Minderheit in Dänemark hatte während des Zweiten Weltkrieges mit den deutschen Besatzern kollaboriert und geträumt, Nordschleswig würde "heim ins Reich" geholt. Doch Nordschleswig blieb dänisch und nach dem Krieg wurde abgerechnet. Im Zuge einer "Rechtsabrechnung" wurden fast alle Männer der Minderheit interniert, 2.900 von ihnen verurteilt. Schließlich bekannte sich die deutsche Minderheit zum dänischen Staat und das Verhältnis begann sich zu normalisieren.
1953 schickte die deutsche Minderheit erstmals einen Abgeordneten in das Folketing, das dänische Parlament. 9.700 Stimmen reichten für dieses Mandat. In Schleswig-Holstein sorgte dagegen die Fünf-Prozent-Klausel dafür, dass der SSW 1954 nicht einmal mit 42.000 Stimmen einen Sitz im Landtag bekam. Das verärgerte im Königreich öffentlich und politisch. Es wurde ein Weg gesucht, das Problem auf die politische Tagesordnung zu bringen.
Oktober 1954: ein Monat der Veränderungen
In Kiel löste im Oktober 1954 Kai-Uwe von Hassel den todkranken Friedrich-Wilhelm Lübke als Ministerpräsidenten ab. In Bonn suchte Bundeskanzler Konrad Adenauer Unterstützer für die Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO. In Kopenhagen sah man darin eine Chance. Am 22. Oktober trat der dänische Außenminister Hans Christian Hansen bei der NATO-Ratstagung in Paris ans Mikrophon. Dänemark, so machte er deutlich, begrüße es, wenn die Bundesrepublik neues Mitglied der NATO werden würde. Eigentlich habe es ja nichts damit zu tun, doch es wäre vielleicht schön, wenn die Minderheitenprobleme im Grenzland gelöst würden, wenn man künftig intensiver zusammenarbeite. Konrad Adenauer verstand. Noch in Paris sagte er Hans Christian Hansen zu, die Sache werde geregelt.

Der dänische Ministerpräsident Hans Christian Svane Hansen spricht anlässlich der Unterzeichnung der Erklärungen.
Arbeiten in Kopenhagen, feiern in Bonn
Im Februar 1955 kamen in Kopenhagen Deutsche und Dänen zu Gesprächen zusammen. Dabei saßen auch ein Beamter aus Schleswig-Holstein mit NS-Vergangenheit am Tisch sowie ein dänischer Historiker, dem die Wehrmacht kurz vor Kriegsende das Haus über dem Kopf weggesprengt hatte. Trotzdem gelang es recht schnell, eine gemeinsame Verhandlungsbasis zu finden. Aus Kiel kam die Bitte, doch auch die Rechte der deutschen Minderheit in Dänemark zu berücksichtigen. Die Dänen nickten, doch eines schlossen sie kategorisch aus: Es dürfe keinen bilateralen Vertrag geben, keinen, der Deutschland das Recht gebe, sich in dänische Angelegenheiten einzumischen.
Am Ende stand so ein Unikum internationaler Vertragsgestaltung: je vier Seiten auf Deutsch und Dänisch. Die Dänen erklärten, ihre deutsche Minderheit der Mehrheit im Land gleichzustellen, das Schulwesen zu tragen, Abschlüsse anzuerkennen und betonten das Prinzip der Bekenntnisfreiheit. Wer sagt, er ist Minderheit, ist es. Das Gleiche in der deutschen Fassung, im Protokoll dann aber noch die "Bitte" der Bundesrepublik an Schleswig-Holstein, die Fünf-Prozent-Klausel aufzuheben. Das alles lag weitgehend fertig vor, als die Delegationen sich am 28. März 1955 in Bonn trafen. Am 29. dann folgte im Palais Schaumburg der offizielle Akt mit Bundespräsident Theodor Heuss und der wichtige Hinweis von Hans Christian Hansen an die Presse, es seien zwei Erklärungen, eine je für jedes Land - und deshalb müsse immer im Plural von den "Bonn-Kopenhagener-Erklärungen" gesprochen werden.
Wenig Papier und viel Erfolg
Mit den Bonn-Kopenhagener-Erklärungen begann sich das bis dahin gespannte Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und dem dänischen Königreich zunächst zu entkrampfen, um sich dann stetig zu verbessern. Der Grenzkampf endete. Inzwischen seien die Minderheiten schon einen Schritt weiter, glaubt Hinrich Jürgensen vom Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN). Er verweist darauf, dass die Minderheiten inzwischen zusammenarbeiten, um gemeinsam Projekte für die Grenzregion voranzubringen.
Modell aber keine Blaupause
Das Zusammenleben von Mehr- und Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland wird inzwischen als Modell für Europa angesehen. Nicht umsonst wurde das ECMI - das Europäische Zentrum für Minderheitenfragen - in Flensburg angesiedelt. Nicht nur der Streit um die Zuschüsse Schleswig-Holsteins für die dänischen Minderheitsschulen wurde mit Hinweis auf Bonn-Kopenhagen beendet. Auch als die Junge Union 2013 nach dem Eintritt des SSW in die Landesregierung die Ausnahme der Minderheitenpartei von der Fünf-Prozent-Klausel über das Landesverfassungsgericht kippen wollte, scheiterten sie nicht zuletzt an den in den Bonn-Kopenhagener-Erklärungen vereinbarten Grundsätzen.
SSW im Bundestag
Inzwischen ist der SSW auch im Bundestag vertreten. Stefan Seidler ist der einzige Abgeordnete. Die Partei erhielt gut 55.000 Zweitstimmen, als sie 2021 das erste Mal seit 60 Jahren wieder antrat. Bei der Bundestagswahl 2025 verbesserte sich das Ergebnis auf mehr als 76.000 Stimmen, entsprechend 0,15 Prozent. Der SSW ist dabei nur in Schleswig-Holstein wählbar. Durch die Befreiung von der Sperrklausel, die in den Bonn-Kopenhagener Erklärungen festgeschrieben ist, kann die dänische und friesische Minderheit jetzt also auch in Berlin mitreden.

Ein Wahlplakat des SSW aus dem Jahr 1955.
Dieses Thema im Programm:
NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 28.03.2025 | 16:30 Uhr