Ein orangefarbener Stuhl steht im Rampenlicht auf einer leeren Holzbühne (Quelle: picture-alliance/ZB/Arno Burgi).

Berlin Brandenburg Kinder versus Kunst: Mütter verschwinden oftmals von Theaterbühnen

Stand: 09.03.2025 08:00 Uhr

Abends Vorstellungen, am Wochenende spontane Proben: In der Theaterszene ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht einfach - vor allem für Mütter. Wie familienfreundlich Berliner und Brandenburger Bühnen sind, hat Nathalie Daibner recherchiert.

Die Schauspielerin Ruth Rosenfeld von der Schaubühne in Berlin hat ihre Tochter Lili schon als Baby mit ins Theater genommen - auch auf Gastspiele, zum Beispiel nach Belgien oder Zürich. Damals war sie an der Berliner Volksbühne.  Was sie verdiente, ging für Babysitting drauf: "Die Hilfe, die ich bezahlen musste, ist das, was ich verdient habe, es blieb nicht viel übrig", erzählt sie. Heute ist Lili 16 Jahre alt, bis sie acht Jahre alt war, wurde sie von einer Nanny betreut.

Ruth Rosenfeld hält eine Hand an den Hals und schaut frontal in die Kamera (Quelle: Debora Mittelstaedt).

Schauspielerin Ruth Rosenfeld

Alleine die Arbeitszeiten am Theater seien eine veritable Herausforderung für Mütter, sagt Rosenfeld. "Du probst auch manchmal von 10 bis 14 und dann von 16 oder 18 bis 20 oder 22 Uhr. Dann hast du Vorstellungen und so weiter. Es ist nicht der kompatibelste Beruf für Mütter."

Mutter sein am Theater ist Privatsache  

Sie habe immer versucht, ihr Muttersein nicht zum Thema zu machen.  "Du wolltest nie Probleme machen, nicht die problematische Schauspielerin sein, wenn du dein Kind abholen musst trotz Proben, oder mit dem Kind zum Arzt,  weil es  krank ist. Es war ein enormer Stress für mich", so Rosenfeld weiter.  
 
Die Erfahrung, in einem wenig familienfreundlichen Umfeld zu arbeiten, machen viele Mütter am Theater. 

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Studie offenbart Erfahrung mit Diskriminierung von Müttern

Nach einer Studie des Vereins "Bühnenmütter" von 2022 sagten 45 Prozent der Befragten sogar, diskriminierendes Verhalten wegen ihrer Mutterschaft im Job erlebt zu haben [bbk-kulturwerk.de/PDF]. Die "Bühnenmütter" haben zwei  Opernsängerinnen gegründet, die selbst diese Erfahrungen gemacht haben. Die Gründerin Verena Usemann sagt, knapp die Hälfte der Befragten habe angegeben, dass ihnen ein Vertrag aufgelöst wurde oder sie nicht eingeladen wurden, als sie angaben, dass sie schwanger sind oder ein Kind haben. "Ungefähr die Hälfte hat angegeben, dass sie ihre Kinder nicht erwähnen in ihrer Vita." Die Pilotstudie habe empirisch gezeigt, was Usemann und die anderen "Bühnenmütter" selbst "als gefühlte Wahrheit" erlebt hätten.  
 
Die Schauspielerin Caroline Haupt, eine Schauspielkollegin von Ruth Rosenfeld an der Schaubühne, sagt: "Das ist schon Privatsache, wenn man sich entscheidet, ein Kind zu bekommen." Einen Stillraum oder eine Betriebs-Kita gebe es nicht. Die Berlinerin habe ihren Mann und ihre Familie, die sich mit um ihren zehnjährigen Sohn kümmern. Ohne so ein Netzwerk gehe es nicht, sagt sie.  

Der aufopfernde Künstler ist ein Klischee

Die Ursache für die Diskriminierung von Müttern sieht Teresa Monfared von den "Bühnenmüttern" im dem alten Klischee zum "Künstler":  "Der ist immer noch eher männlich, eher weiß und immer verfügbar. Ein Künstler, opfert sich auf für die Kunst." Sich um Kinder zu kümmern, passe nicht zu diesem Bild. 
 
Das sei sicherlich auch ein Grund, warum viele hochqualifizierte Künstlerinnen sogar den Beruf nach der Geburt aufgeben, wie der Verein "Bühnenmütter" feststellt. Die Frauen verschwinden einfach vor und hinter den Bühnen.  Fast die Hälfte der befragten Bühnenkünstlerinnen überlegt demnach, den Job nach der Geburt eines Kindes aufzugeben oder hat dies bereits getan. 
 
Die "Bühnenmütter" hätten deswegen einen Maßnahmenkatalog entwickelt, um die Theater familienfreundlicher zu gestalten, erklärt Monfared: "Wir würden uns mindestens Wochenpläne wünschen, so dass eine Woche im Voraus kundgetan wird, was geprobt wird, und zwar verbindlich. Dann würden wir uns taugliche Wiedereinstiegsmodelle für Eltern, die Kinderpause gemacht haben, wünschen." Diese gebe es aber kaum.

Carolin Haupt schaut frontal in die Kamera (Quelle: Debora Mittelstaedt).

Schauspielerin Carolin Haupt

Umfrage zur Familienfreundlichkeit an Bühnen der Region

Eine rbb-Umfrage bei den zehn größten Theatern in Berlin und Brandenburg zeigt: Das Thema ist nach eigenen Angaben bei vielen dieser Bühnen angekommen. So gab die Schaubühne an, verbindliche Wochenpläne und Probezeiten in der Regel von 10 bis 16 Uhr zu haben, Samstag und Sonntag seien bis auf Endprobenphasen frei. Besondere Care-Situationen würden am Anfang einer Produktion besprochen und einbezogen.

Das Hans-Otto-Theater in Potsdam bietet eigenen Angaben zufolge auch probefreie Phasen für Eltern. An der Berliner Volksbühne wiederum existieren feste Vorgaben, unter anderem für eine Fünf-Tage-Woche und die rechtzeitige Bekanntgabe von Dienstplänen. Das Brandenburger Theater in Brandenburg an der Havel bietet für Eltern Teilzeitmodelle an und gibt Dienstpläne zwei Monate im Voraus bekannt. Auch am Staatstheater in Cottbus gibt es Wochenpläne.
 
Das Maxim-Gorki-Theater, der Friedrichstadtpalast, das Deutsche Theater sowie das Renaissance-Theater konnten bis zur Veröffentlichung dieses Textes keine Angaben machen. 
 
Das Berliner Ensemble teilte lediglich mit, es erarbeite gerade neue Regeln. Der "Spiegel" [Bezahlschranke] veröffentlichte jetzt eine Recherche über Vorwürfe von Diskriminierung gegenüber Müttern in der Maskenabteilung des Hauses. Das BE wies die Vorwürfe dem Magazin gegenüber zurück. Die rbb-Umfrage entstand vor dieser Veröffentlichung.
 
Zusammenfassend lässt sich sagen: Alle Theater geben der rbb-Umfrage zufolge an, individuelle Lösungen zu suchen. Unklar bleiben aber besonders Möglichkeiten zum Wiedereinstieg nach der Geburt eines Kindes.

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Mutterschaft als Bühnenthema

Die Regisseurin Jorinde Dröse, selbst Mutter von zwei Kindern, setzt die Forderungen der "Bühnemutter" längst für ihre Stücke um. Als sie ihr zweites Kind bekam, sei sie aber erst einmal komplett ausgestiegen, erzählt sie. Für Regisseurinnen ist es häufig noch komplizierter, weil sie selten fest an eine Spielstätte gebunden sind, sondern an verschiedenen Theatern inszenieren.  
 
Wieder eingestiegen ist Dröse mit dem Stück "Motherfuckinghood". Dafür hat sie zusammen mit der Schauspielerin Claude De Demo ein Stück über Mutterschaft und alle Schwierigkeiten, die damit verbunden sind - Kinder, Karriere und die eigene Kunst zu vereinen - geschrieben und auf die Bühne des Berliner Ensemble gebracht.
 
"Wir  waren sehr unsicher, ob das, was wir da machen, einerseits Sinn hat oder einen Resonanzraum findet, als wir geprobt haben", sagt sie. Seit einem Jahr sei "Motherfuckinghood" aber immer ausverkauft. "Bei uns im Stück sitzen 80 Prozent Frauen, die wahrscheinlich 20 Prozent ihrer männlichen mitkommenden Menschen mitgenommen haben."

 
Das mache Jorinde Dröse Hoffnung für die  Zukunft. Plötzlich sei Mutterschaft zum Beispiel nicht mehr Privatsache. Längst beobachte sie, wie auch Ruth Rosenfeld und Carolin Haupt, dass es immer mehr Mütter an den Theatern gebe. 

Beruf als Berufung

Für Ruth Rosenfeld ist das Theater ein Teil von ihr, wie ein zweites Kind, sagt sie. Mit ihrem ersten Kind, Lili, mache sie aber auch viel gemeinsam, etwa Kochen oder Sport. Und die Erstgeborene hilft beim zweiten Kind mit: Beim Textlernen müsse Lili immer helfen, "das ist Teil ihrer Aufgabe als mein Kind", sagt Ruth Rosenfeld lachend.
 
Für Lili bringe der Beruf ihrer Mutter aber auch Vorteile. "Wir sprechen über alles sehr frei und ich habe nicht das Gefühl, dass es da irgendwas Unangenehmes gibt", sagt die 16-Jährige. Sie empfinde ihre Mutter als offener im Gegensatz zu anderen Eltern. "Es hat wahrscheinlich schon etwas mit dem Beruf zu tun,  weil sie  auch so viel Erfahrung hat, die Sachen versteht, die ich ihr erzähle", sagt Lili.

Sendung: rbbKultur, 08.03.2025, 18:30 Uhr