
Rechte von Menschen mit Behinderung Ein Gipfel als "wichtiges Signal"
Mit Warnungen vor Rückschritten bei Inklusion und Diversität hat der Weltgipfel für die Rechte von Menschen mit Behinderungen begonnen. Dabei geht es auch um ganz konkrete Verbesserungen.
Adam Boxer wirft die Brille gegen eine Wand, mit Kraft. Sie fällt zu Boden. Nichts passiert. Die Brille, das Gestell kann einfach wieder aufgesetzt werden. Hashtag vision for the world. Eine weltweite Vision für gutes Sehen mit einer Brille, die gerade mal fünf Dollar kostet. Die Firma hat ihren Sitz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi und liefert diese bezahlbaren Brillen in viele Länder Ostafrikas.
"Es geht um Einfachheit und darum, logistische Komplexität zu reduzieren. Das gelingt uns", so Boxer, "indem wir nur ein Brillengestell haben. Es ist ein Gestell, das in fast jedem Gesicht gut aussieht". Das Gestell ist in nur einer Minute zusammensetzbar. Schon Hunderttausend dieser Brillen hat sein spendenfinanziertes Unternehmen verkauft.
Der gelernte Raumfahrtingenieur präsentiert sein Produkt auf dem Weltgipfel für Menschen mit Behinderung, der zwei Tage lang in Berlin stattfindet. Es ist der dritte Gipfel dieser Art. Gastgeber ist immer ein Land aus dem reichen Norden, in Zusammenarbeit mit einem Land aus dem Globalen Süden. Nach Großbritannien und Ghana, gefolgt von Norwegen und Kenia, nun also die Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit dem Königreich Jordanien.
Zuständig für die Organisation ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Mehr als 3.000 Menschen aus der ganzen Welt sind angereist, Vertreter von Regierungen, internationalen Organisationen und Gewerkschaften - viele selbst mit Behinderung.

Bundeskanzler Olaf Scholz und der jordanische König Abdullah II bei der Eröffnung des Gipfels.
"Ein wichtiges Signal"
"Dieser Gipfel ist nicht wie jeder andere Gipfel", erklärt Entwicklungsministerin Svenja Schulze. Sie erzählt von den vielen Trinknäpfen für Begleithunde, von den Herausforderungen der Barrierefreiheit, ob es um Bewegung oder Sprache geht. Dolmetscherinnen für mehrere Gebärdensprachen sind vor Ort. Das, was auf der Pressekonferenz gesagt wird, wird in Echtzeit verschriftlicht an die Wand geworfen. Aber das sind nur die Äußerlichkeiten.
"In der aktuellen Zeit, in der Vielfalt und Inklusion weltweit hinterfragt werden", so Schulze, "ist der Gipfel ein wichtiges Signal". Wenn Menschen mit Behinderung - sie stellen 15 Prozent der Bevölkerung weltweit - nicht gleichberechtigt in die Gesellschaft eingebunden würden, gingen Kreativität, Wissen und nicht zuletzt wirtschaftliche Leistung verloren.
Hilfsmittel machen großen Unterschied
Der 23jährige Nick Murthum ist ein Beispiel dafür. Er war 17, als er bei einem Autounfall sein linkes Bein und seinen linken Arm verlor. Heute sagt er, es sei alles nicht so schlimm, er könne ja alles machen, und führt die Beweglichkeit seiner High-Tech-Prothesen vor. Er hilft am Messestand des deutschen Herstellers Ottobock aus.
Murthum ist für die Techniker des Unternehmens eine Art lebendes Modell, an dem sie üben können, eine maßgefertigte Prothese anzupassen. Er hofft, dass Wege gefunden werden, dass sich viel mehr Menschen solche Hilfsmittel leisten können, da sie einen enormen Unterschied machen. Das Problem: die Kosten. Die gehen für eine High-Tech-Prothese in die Tausende.
Auch Bundeskanzler Olaf Scholz, der den Gipfel gemeinsam mit König Abdullah II. von Jordanien besucht, scheint von den Prothesen fasziniert. Ausführlich erklärt ihm eine Mitarbeiterin der Firma, die selbst ihren rechten Arm verloren hat, wie ein Händedruck mit dem künstlichen Unterarm möglich ist. Scholz gibt ihr die Hand. Bei einem Mann falle der Händedruck etwas kräftiger aus als bei einer Frau.

Scholz ließ sich unter anderem die Funktionsweise von Prothesen erklären.
Exponate zum Anfassen
Es gibt viele Stände von Firmen aus verschiedenen Ecken der Welt. Denn ein Ziel des Gipfels ist es, voneinander zu lernen, Anregungen zu bekommen, was man besser machen kann. Welche Hilfsmittel gibt es in anderen Ländern, wie barrierefrei ist der öffentliche Nahverkehr, wie werden Menschen mit Behinderung integriert?
Jordanien ist zum Beispiel stolz auf seinen Weg, die Kunst- und Kulturschätze für alle zugänglich zu machen. Das Jordanische Nationalmuseum hat Künstler damit beauftragt, Ausstellungsstücke nachzubilden. Die Kopien stehen jetzt neben dem Original, aber nicht hinter Glas, sondern zum Anfassen. Das ermögliche es zum Beispiel sehbehinderten Menschen, die Kunstobjekte zu erfassen. Zugleich mache es das Museum aber auch attraktiver für viele andere, zum Beispiel für Kinder.
"15 Prozent für 15 Prozent"
Doch neben den praktischen Beispielen geht es auf dem Gipfel um politische Veränderungen und um ausreichend finanzielle Mittel. Es soll die "Amman-Berlin-Erklärung" verabschiedet werden. Das Ziel: Jedes Land soll 15 Prozent seiner internationalen Entwicklungsprojekte für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen einsetzen. Nach dem Motto "15 Prozent für 15 Prozent", denn 15 Prozent der Weltbevölkerung leben mit Behinderungen.
Der scheidende Bundeskanzler betonte, Inklusion sei ein grundlegendes Menschenrecht - so wie es die UN-Behindertenrechtskonvention fordert. 192 Staaten haben die Konvention ratifiziert, darunter auch Deutschland und Jordanien, die Ausrichter des Gipfels. Doch trotz Fortschritten, so Scholz, seien Menschen mit Behinderungen weiter mit systematischer Benachteiligung konfrontiert.
Im Schnitt 14 Jahre geringere Lebenserwartung
"Diese große Gruppe Menschen in Entscheidungsfindungen einzubeziehen und sie an allen Lebensbereichen zu beteiligen - Bildung und Arbeit zum Beispiel - ist kein Akt der Menschlichkeit", erklärt der Kanzler. "Das ist unser wirtschaftliches Interesse und unsere demokratische Pflicht. Und es ist politisch geboten. Ich sage das in Zeiten, in denen Diversität, Teilhabe und Inklusion in vielen Ländern infrage gestellt werden. Das werden wir nicht zulassen."
Menschen mit Behinderung haben weltweit, so zeigen es laut dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung international erhobene Zahlen, durchschnittlich eine um 14 Jahre geringere Lebenserwartung als Menschen ohne Behinderung.
Jordaniens König Abdullah fordert, besonders auf die Lage in Konfliktregionen zu achten. Dort seien Menschen mit Behinderung besonders verletzlich. Deswegen sei der Einsatz für einen gerechten Frieden besonders wichtig. "Die Situation in Gaza ist ein schmerzliches Beispiel. Heute hat Gaza pro Kopf gesehen die höchste Zahl amputierter Kinder in der Welt, zusammen mit hohen Zahlen bei den Erwachsenen." Der jordanische König erhält dafür tosenden Applaus von einem vollbesetzten Saal.
"All diese Hürden beseitigen"
Es geht auf dem Gipfel viel um Zugang - zu Verkehrsmitteln, Räumen, aber auch zu Therapien und Hilfsmitteln. Dort gibt es nach wie vor die größten Ungleichheiten. Das Entwicklungsministerium hat eine Studie in Auftrag gegeben. Nach der kommen in den reichsten Ländern auf eine Million Einwohner mehr als 900 Physiotherapeuten. In ärmeren Ländern sind es dagegen weniger als 30.
Eine Zahl von vielen. Doch der zweitägige Gipfel ist eben auch ein Treffpunkt für viele Menschen mit Behinderung, die sich über ihre Alltagserlebnisse in und mit Berlin austauschen wie zwei Behindertenrechtsaktivistinnen aus Lateinamerika. Beide fahren Rollstuhl.
Gabriela Bruno aus Argentinien sagt über Berlins Straßen, dass beim Überqueren kleine Unebenheiten stören. "Ohne sie wäre es viel besser. Man kann ihnen leicht ausweichen, aber man muss ihnen eben ausweichen." Wendy Jimenez aus Costa Rica lobt dafür die öffentlichen Verkehrsmittel. "In Lateinamerika ist das immer noch eine große Herausforderung. Darum geht es uns hier: all diese Hürden zu beseitigen."