Grundschülerinnen und Grundschüler von hinten mit bunten Jacken und Rucksäcken machen einen Ausflug

Antiziganismus in Deutschland Sinti und Roma haben es an Schulen schwer

Stand: 02.04.2025 18:56 Uhr

An deutschen Schulen erfahren Sinti- und Roma-Kinder immer wieder Diskriminierung und Rassismus. Das bestätigt ein neuer Bericht. Dabei geht es um viel mehr als plumpe Beleidigungen auf dem Schulhof.

Von Philip Artelt, BR

Regelmäßig wird ein kleiner Junge mit dem Z-Wort beleidigt und geschlagen. Die Eltern melden den Vorfall der Schulleitung - und die bleibt untätig. Das seien halt Kinder, heißt es. Das Beispiel steht im neuen Bericht der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA), also der Stelle, die sich mit Handlungen und Einstellungen, die sich gegen Sinti und Roma richten, beschäftigt. Der Fall veranschaulicht, wie schwer es Sinti- und Roma-Kinder an deutschen Schulen immer noch haben.

Antiziganismus-Bericht: 484 Vorfälle seit 2023

Michelle Berger, Leiterin einer Beratungsstelle des Verbandes Deutscher Sinti und Roma in Nürnberg, meldet auch Verdachtsfälle an die MIA, wenn sie davon erfährt. Das ist nicht selbstverständlich. "Sinti und Roma versuchen oft, Vorfälle auszusitzen", sagt Berger. Sie würden hoffen, dass sich schon alles zum Besseren wende.

Im MIA-Bericht ist von einem "sehr kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Anzahl" der Fälle die Rede. 484 Vorfälle seit dem Jahr 2023 im Bildungsbereich hat die MIA dennoch zusammengetragen, an Schulen, Universitäten und Kindertagesstätten. Dabei geht es um Diskriminierung, um das "Z-Wort" ebenso wie um handfeste Gewalt.

Rassismus in Institutionen tief verankert

Das große Problem seien nicht die Beleidigungen, die nehme sie zwar ernst, sagt Berger von der Beratungsstelle in Nürnberg. Vielmehr treibt sie der institutionelle Antiziganismus um, also die negativen Handlungen und Einstellungen gegenüber Sinti und Roma. Er sei tief in unserem Bildungssystem verankert. Berger erzählt, dass Kinder aus Sinti- oder Roma-Familien pauschal in Förderschulen geschickt worden seien. Sie habe es selbst erlebt, dass Lehrkräfte eine Rückstellung von Schülern um ein Jahr empfohlen hätten, obwohl das aus Sicht von Fachleuten nicht angebracht gewesen sei.

Dass die Lehrkräfte dabei nicht unbedingt in böser Absicht handeln, weiß Berger: "Gerade das ist das Gefährliche daran", sagt sie. Die Lehrerinnen und Lehrer meinten es eigentlich gut mit den Kindern, aber an ihren tiefsitzenden Vorurteilen, die seit Jahrhunderten in der Gesellschaft tradiert werden, kommen sie offenbar nicht vorbei.

Dass das nicht nur Hirngespinste sind, bestätigt Philipp Jugert, Professor für Interkulturelle Psychologie an der Uni Duisburg-Essen. Er hat für eine Studie Lehramtsstudierenden Profile von Schülern vorgelegt. Die Leistungen unterschieden sich dabei nicht, aber in den Profilen waren Hinweise auf die ethnische Herkunft der Schulkinder. Dabei wurde Kindern mit Migrationshintergrund - zum Beispiel aus türkischen Familien oder eben Roma - eher der Übertritt auf die Hauptschule empfohlen als aufs Gymnasium oder die Realschule. "Aber diesen Rom*nja-Schülern wurde eben noch weniger zugetraut. Das heißt, die wurden eher noch weniger fürs Gymnasium empfohlen."

Um den Vorurteilen entgegenzuwirken, schlägt die MIA in ihrem Bericht unter anderem Bildungsberater vor, die eine "gleichberechtigte und diskriminierungsfreie Teilhabe von Sinti und Roma im öffentlichen Bildungswesen" sicherstellen sollen. Außerdem sollten demnach Menschen aus den Sinti- und Roma-Gemeinschaften vermehrt an Schulen eingesetzt werden. Beim Bayerischen Kultusministerium verweist man unter anderem auf speziell geschulte Lehrkräfte oder Psychologen, die für diskriminierungsfreie Schulen sorgen sollen.

Größeres Bewusstsein für Rassismus

Psychologe Jugert sieht das größte Potential bei jungen, angehenden Lehrkräften. "Kulturell responsives Unterrichten" heißt ein Ansatz, bei dem Lehrende im Unterricht mit den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen der Kinder arbeiten sollen. Dafür müssten die Lehrkräfte aber zunächst ihre eigene kulturelle Brille erkennen: "… sich bewusst zu sein, dass wir alle manchmal voreingenommen sind und es nicht nur ein paar böse Rassisten gibt, die man identifizieren muss."

Immerhin macht der MIA-Bericht auch Hoffnung: So ist die Zahl derer, die sich bei Übergriffen oder Beleidigungen helfend vor die Betroffenen stellen, im vergangenen Jahr gestiegen. Und mehr gemeldete Fälle können auch bedeuten, dass es ein größeres Bewusstsein gibt - und sich mehr Menschen trauen, Hilfe zu holen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. April 2025 um 14:36 Uhr.