
Russischer Raketenangriff "Ein Anschlag auf Kinder, Familien und Senioren"
19 Tote, darunter neun Kinder und mittlerweile mehr als 70 Verletzte - der russische Angriff auf ein Wohngebiet in der ukrainischen Stadt Krywyj Rih hat landesweit Entsetzen ausgelöst.
Bei einem russischen Raketenangriff auf die Heimatstadt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind nach ukrainischen Angaben 19 Menschen getötet worden. Unter den Toten in Krywyj Rih seien neun Kinder, teilte der örtliche Gouverneur, Serhij Lysak, nach dem Ende des nächtlichen Rettungseinsatzes mit. 72 Menschen seien bei dem Angriff verletzt worden, gab er später bekannt. Zuvor war von 61 Verletzten die Rede gewesen.
Zu den Verletzten zählten laut Lysak ein drei Monate altes Baby sowie Senioren. 40 Menschen wurden den Angaben zufolge weiterhin im Krankenhaus behandelt, auch Kinder in kritischem und ernstem Zustand.
Nach Angaben des Chefs der Militärverwaltung der Stadt, Oleksandr Wilkul, traf die Rakete ein Wohngebiet nahe eines Spielplatzes. Er sprach von einem "Massenmord an Zivilisten", der "Kinder, Familien, Senioren" getroffen habe. Für kommende Woche kündigte Wilkul drei Tage der Trauer für die Opfer "des Terrorangriffs auf unsere Stadt durch das Killer-Land" an.
Russland spricht von Hochpräzisionsschlag
Das russische Militär bestätigte den Schlag gegen Krywyj Rih. Moskau sprach allerdings von einem "Hochpräzisionsschlag". Getroffen worden sei ein Restaurant, in dem sich ukrainische Kommandeure mit ihren westlichen Instrukteuren getroffen hätten. "Durch den Schlag lagen die Verluste des Gegners bei 85 Soldaten und Offizieren ausländischer Staaten", heißt es in der Pressemitteilung. Zudem seien rund 20 Militärfahrzeuge zerstört worden.
Zu zivilen Opfern machte Moskau keine Angaben. Auf von ukrainischer Seite veröffentlichten Bildern von dem Ort des Angriffs waren keine Hinweise auf militärische Ziele zu sehen. Der ukrainische Generalstab sprach in einer Mitteilung auf Telegram von einer Lüge. "Wir erklären, dass Russland wieder einmal falsche Informationen verbreitet. Die Rakete schlug in einem Wohngebiet und auf einem Spielplatz ein", hieß es. Es habe sich um eine ballistische Rakete vom Typ Iskander-M mit Streumunition gehandelt, die ein größeres Gebiet und möglichst viele Menschen treffen sollte.
Kritik an US-Botschaft
Selenskyj kritisierte außerdem die Reaktion der Kiewer US-Botschaft auf den russischen Raketenangriff. "So ein starkes Land, so starke Menschen - und so eine schwache Reaktion", schrieb Selenskyj in Onlinemedien. Er kritisierte US-Botschafterin Bridget Brink insbesondere dafür, dass sie Russland nicht explizit als Verursacher des Angriffs mit 18 Toten genannt habe.
"Sie haben sogar Angst davor, das Wort 'russisch' zu benutzen, wenn sie über die Rakete sprechen, die die Kinder getötet hat", kritisierte Selenskyj. Brink hatte am Abend erklärt, sie sei "entsetzt" über den Angriff mit einer Rakete, die "neben einem Spielplatz und einen Restaurant" in Selenskyjs Heimatstadt Krywyj Rih eingeschlagen sei. Sie verwies darauf, dass unter den Todesopfern auch Kinder waren. "Darum muss der Krieg enden", fügte die Botschafterin hin. Russland als Angreifer nannte sie nicht.
Selenskyj: Russland will keine Feuerpause
Selenskyj hatte Russland bereits am Vorabend Kriegsführung gegen Zivilisten vorgeworfen. Allein in den vergangenen 24 Stunden habe das russische Militär Angriffe auf die Städte Krywyj Rih und Charkiw sowie ein Kraftwerk in Cherson lanciert - trotz einer Abmachung zum Schutz von Energieanlagen, sagte er in seiner abendlichen Videoansprache.
Getroffen worden sei eine gewöhnliche Stadt, der Schlag sei gegen eine belebte Straße und Wohnhäuser geführt worden, hatte Selenskyj schon in einer ersten Reaktion bei Telegram beklagt. "Es gibt nur einen Grund, warum das weitergeht: Russland will keine Feuerpause, und wir sehen das."
Serie von Angriffen auf zivile Objekte
Krywyj Rih reiht sich dabei nach den Worten Selenskyjs nur in die Serie jüngster russischer Angriffe auf zivile Objekte ein. In Charkiw seien so nach russischen Drohnenangriffen aus der Nacht zuvor mit fünf Toten und 34 Verletzten immer noch die Bergungsarbeiten im Gange. Auch der Treffer mit einer per Kamera gesteuerten Drohne in einem Kraftwerk könne kein Zufall sein - "die Russen wissen, dass es sich um eine Energieanlage handelt und diese Anlagen gemäß den Versprechen Russlands gegenüber der amerikanischen Seite vor jeglichen Angriffen geschützt werden müssen", warf er Russland vor.
US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin hatten bei einem Telefonat als Minimalkonsens - eine völlige Waffenruhe lehnte Putin ab - ein Moratorium für Schläge gegen Energieobjekte ausgemacht. Kiew stimmte dem später zu. Seither werfen sich beide Seiten immer wieder vor, die Abmachung nicht einzuhalten. Selenskyj bat einmal mehr die USA um Konsequenzen.