
"Sächsische Separatisten" Verbindungen zu österreichischer Neonazi-Größe
Die mutmaßliche Terrorgruppe "Sächsische Separatisten" hat weitreichendere Verbindungen in Österreichs rechtsextreme Szene, als bislang bekannt war. Nach MDR-Recherchen gab es demnach ein Treffen mit einer österreichischen Neonazigröße.
Jörg S., laut Bundesanwaltschaft mutmaßlicher Anführer der von ihr als terroristische Vereinigung verfolgten "Sächsischen Separatisten", soll einen Schalldämpfer verkauft haben - an einen Sprengstoffexperten, der auch für das österreichische Innenministerium aufgetreten ist und Verbindungen in die rechtsextreme Szene Österreichs haben soll. Das hatten MDR und "Datum" im Februar berichtet.
Nun haben Recherchen von MDR, Spiegel und Standard ergeben, dass die Verbindungen der mutmaßlichen Rechtsterroristen in Österreichs rechtsextreme Szene weitaus umfangreicher sind als bislang bekannt.
Akten, die von dem Rechercheteam eingesehen werden konnten, zeigen, dass sich die Brüder Jörg und Jörn S. im August 2023 mit dem österreichischen Neonazi Gottfried Küssel in Wien getroffen haben sollen. Ermittler rechnen die beiden Brüder dem Kern der "Sächsischen Separatisten" zu. Sie sind der Gründung und der Mitgliedschaft in der Gruppe beschuldigt.
Treffen mit österreichischem Neonazi
An dem Treffen in Wien sollen laut Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden auch Eleni K., die Lebensgefährtin von Jörg S., sowie der jüngste, zum damaligen Zeitpunkt noch minderjährige Bruder und die Mutter der Familie S. teilgenommen haben. Gegen die Lebensgefährtin und den dritten Bruder ermitteln die Behörden ebenfalls wegen ihrer Beteiligung an der mutmaßlichen Terrorgruppe. Österreichische Ermittler hatten die Zusammenkunft mit Küssel in Wien observiert, konnten jedoch nicht feststellen, worum es bei dem Treffen ging.
Küssel ist eine namhafte österreichische Neonazigröße, die in den 1980er-Jahren die rechtsextreme Gruppierung "Volkstreue außerparlamentarische Opposition" (VAPO) gegründet hatte. Die militante Organisation betrachtete sich selbst als "Kampfgemeinschaft" und orientierte sich eng an der NSDAP. 1994 wurde Küssel wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung" vom Landesgericht für Strafsachen Wien zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. 1999 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen.
Das Dokumentationszentrum des österreichischen Widerstands bezeichnet den Wiener als "eine Schlüsselfigur der neonazistischen Szene in Österreich und Deutschland". 2013 wurde Küssel erneut wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung" zu fast acht Jahren Haft verurteilt. Er saß seine Strafe bis Anfang 2019 ab.
Bindeglied zu rechtsextremistischer Szene
Der Vater der beschuldigten Brüder S., Hans Jörg S. junior, hatte für Küssels VAPO Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre Wehrsportübungen organisiert. Dafür wurde er 1995 ebenfalls zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und kam 1999 vorzeitig frei. Hans Jörg S. junior siedelte danach von Österreich in den Großraum Leipzig um. In Behördenunterlagen, die MDR, Spiegel und Standard einsehen konnten, wird er vom Bundesamt für Verfassungsschutz als "Bindeglied zwischen der deutschen und österreichischen rechtsextremistischen Szene" bewertet.
Küssels Anwalt Michael Dohr antwortet auf Nachfrage: "Mein Mandant hat mit den Sächsischen Separatisten nichts zu tun und mit wem er sich privat trifft oder nicht, geht nun wirklich niemanden etwas an."
Der Anwalt von Jörn S. wollte sich auf Nachfrage stellvertretend für seinen Mandanten nicht zum Sachverhalt äußern. Eine Anfrage an den Anwalt seines Bruders Jörg blieb unbeantwortet.