Ein Teenager mit einem orangenen Hoodie sitzt an einem Holztisch. Vor ihm steht ein leeres Glas.

Hessen Welt-Autismus-Tag: Warum Kuchen kaufen für diesen Teenie eine Challenge ist

Stand: 02.04.2025 20:53 Uhr

Lars ist Autist. Scheinbar einfache Alltagsaufgaben können den 13-Jährigen stark fordern. Dinge, die er in einem Internat in Bad Arolsen gelernt hat, will Lars jetzt nutzen, um anderen Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung eine Stimme zu geben.

Von Stefanie Küster

Etwas für andere tun, obwohl man sie nicht mag. Das ist die Challenge, der Lars sich stellt. Er soll für seine ganze Wohngruppe einkaufen. Für alle Kinder und Erzieherinnen und Erzieher. Seine Therapeutin Nadine Flörke unterstützt ihn dabei. Denn Lars hat das "noch nie gemacht", alles fühlt sich neu an.

Der 13-Jährige hat eine Autismus-Spektrums-Störung und wohnt im Schülerinternat des Bathildisheims in Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg). Hier leben Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren verteilt auf zehn Wohngruppen. Sie gehen auf dem Gelände zur Schule, haben Schwimmtraining oder Bogenschießen. Daneben gibt es Ergo- und Physiotherapie und Einzel-Therapiestunden. Erzieher, Lehrerinnen und Therapeutinnen: Alle arbeiten eng zusammen.

Alltägliche Situationen als Herausforderung

Lars ist hochgewachsen, fast schlaksig - und mit seinen 13 Jahren auf dem Sprung von Kind zum jungen Mann. Der Teenager erzählt viel und doch merkt man ihm eine gewisse innere Unruhe an. Seine Hände sind fest in die Bauchtasche seines orangefarbenen Hoodies gesteckt und viel in Bewegung. Mit den Füßen kippelt er leicht, wenn eine Situation ihn fordert. Wie jetzt beim Bäcker.

Der gewünschte Käsekuchen ist aus und Lars muss entscheiden, was er stattdessen kauft. Und wie viele Stücke sind überhaupt nötig, um alle in der Gruppe zu versorgen? Dann zahlen, das Wechselgeld ins Portemonnaie stecken und zurück geht's zum Wohnheim. Geschafft!

Welt-Autismus-Tag

Käsekuchen gibt es nicht - und jetzt? Lars und Therapeutin Nadine Flörke beim Einkauf.

Für Lars war der Einkauf beim Bäcker "ein wichtiges Förderziel", erklärt Therapeutin Nadine Flörke. Sie leitet den Standort des Autismus-Therapie- und Beratungszentrums (ATB) auf dem Gelände des Heims in Bad Arolsen. Schon mehrere Jahre arbeitet sie dort mit Lars.

Er sei "zunehmend selbständiger geworden" und habe gelernt, Dinge, die ihn belasten, anzusprechen. Mittlerweile setze Lars sich mit seiner Diagnose auseinander, berichtet seine Therapeutin.

Strukturen geben Sicherheit

Während der Corona-Pandemie ist Lars nach Bad Arolsen gekommen. Seine Familie lebt weit weg im südhessischen Messel (Darmstadt-Dieburg). Im Wohnheim fühlt Lars sich wohl - vor allem, weil es hier die Struktur gibt, die er braucht.

Dass immer alles gleich ist, gibt ihm Sicherheit. "Ich bin nicht verstört, weil etwas anders ist", erklärt er. Dazu gehört für ihn zum Beispiel ein fester Sitzplatz im Esszimmer - mit genügend Abstand zu den anderen.

Seine Eltern haben früh gemerkt, dass Lars, der sechs Wochen zu früh auf die Welt kam, besonders ist. Lange sei man davon ausgegangen, der Entwicklungsrückstand lasse sich damit erklären, erinnert sich Mutter Nicole Erlewein. Irgendwann habe seine ein Jahr jüngere Schwester ihn überholt. Das war für die Familie der Punkt, nach den Ursachen für die Verzögerung bei Lars zu forschen.

Ein Teenager zeigt auf einen großen Plan an der Wand. Darauf sind verschiedene Piktogramme in unterschiedliche Spalten gepinnt, beispielsweise ein Comic-Schaf in einer Hängematte.

Wer ist in der Wohngruppe: Lars zeigt den Plan, der die Dienste der Erzieherinnen und Erzieher mit Piktogrammen abbildet.

Eine schwere Entscheidung für die Familie

Es folgen lange Wartezeiten auf Termine, unzählige Untersuchungen und dann die Diagnose: frühkindlicher Autismus. Zu dem Zeitpunkt ist Lars etwa sechs Jahre alt und "weitestgehend non-verbal", sagt seine Mutter. 

Lars kommt erst auf eine Regel-, dann auf eine Förderschule. Doch die Fahrt im Bus, die Schule, die anderen Kinder - all das ist zu viel für Lars. Er hat Schlafstörungen, die fehlende Struktur verunsichert ihn. Das zeigt sich durch Aggression und Rückschritte in der Entwicklung. Für die Familie eine enorme Belastung, erinnert sich Lars' Mutter.

Eine Lösung finden oder die Familie zerbricht - das waren die beiden Optionen, sagt sie. Die Eltern treffen die Entscheidung, Lars ins Schülerinternat nach Bad Arolsen zu geben.

Das sei ihr sehr schwergefallen, sagt Nicole Erlewein heute. Wenn sie ihren Sohn jetzt sieht, freut sie sich über die Entwicklung, die er gemacht hat, hin "zu einem zunehmend kommunikativen, offenen jungen Mann", der Spaß an Landwirtschaft hat.

Welt-Autismus-Tag am 2. April
Der Welt-Autismus-Tag wird jedes Jahr am 2. April begangen, um das Bewusstsein für Autismus zu stärken und auf die Herausforderungen sowie Stärken von Menschen mit einer Autismus-Spektrums-Störung aufmerksam zu machen. Verschiedene Organisationen weltweit nutzen den Tag, um über Inklusion, Forschung und Unterstützungsangebote zu informieren. Auch die Beleuchtung von Gebäuden in Blau als Zeichen der Solidarität ist eine weit verbreitete Aktion.

Konzept: voneinander lernen und gemeinsam leben

Mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung leben viele weitere Kinder und Jugendliche in der Einrichtung. Dazu junge Menschen mit Down-Syndrom und anderen Behinderungen. Einige nutzen einen Rollstuhl, andere sind nicht-sprechend.

Beim Rundgang durch die Wohngruppe zeigt Lars stolz sein Zimmer am Ende des Gangs. Bis vor kurzem hat er hier mit einem Mitbewohner gelebt. Seit der ausgezogen ist, hat Lars sein Einzelzimmer. Das ist nicht immer möglich. Je nachdem, wie viele Kinder und Jugendliche angemeldet werden, müssen die Zimmer im Wohnheim doppelt belegt werden.

Das Gelände ist weitläufig, wer sich nicht auskennt, verliert schnell den Überblick - Lars nicht. Er ist mit den verwinkelten Wegen und unzähligen Häusern bestens vertraut.

Ein Holzschild verweist auf das Bathildisheim. Im Hintergrund sind mehrere Häuser und Wege. Links steht ein Fahnenmast mit einer Regenbogenflagge.

Weitläufiges Gelände: Zum Bathildisheim in Bad Arolsen gehören die Karl-Preising-Schule, das Berufsbildungswerk Nordhessen, das Wohnen und die ambulanten Leistungen von "mein weg" sowie die Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Autismus-Bundesverband beobachtet steigende Diagnosen

Die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung teilt Lars laut dem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus mit etwa 830.000 Menschen bundesweit. Es gebe keine erhobenen Zahlen, so Verbandsreferent Fabian Diekmann. Man gehe davon aus, dass ein Prozent der Bevölkerung mit der Diagnose lebt.

Und es kämen immer neue Betroffene dazu, teilte Diekmann auf hr-Anfrage mit. Grund dafür sei zum einen eine veränderte Diagnostik, die bei anderen Befunden zu einem Rückgang geführt habe. Außerdem gebe es eine höhere Sensibilität für das Thema und steigende Selbst-Diagnosen, "unter anderem bedingt durch Fehlinformationen auf Social Media".

Kindern und Jugendlichen wünscht Diekmann eine "individuell passende Begleitung und Unterstützung, wo nötig". Doch fehle es vor allem an Wohnangeboten für alle Altersklassen, egal ob ambulante Plätze oder geschützte Bereiche.

Der Verband fordert "kleine Gruppen, heterogene und homogene Formate". Zusätzlich müsse es Vernetzungsangebote zu Freizeit und in Überleitung zu Bildung und Beruf geben. Das sei die "grundsätzliche Voraussetzungen für Teilhabe".

Das ist nicht Hollywood, das ist das Leben. Therapeutin Nadine Flörke

Genau das ist das Konzept in Bad Arolsen: Durch die Mischung lernen die Menschen dort voneinander, finden Freunde und leben in einem familienähnlichen Verbund. In Hessen sei das in der Form einmalig, sagt die stellvertretende Schulleiterin.

Ziel der Einrichtung ist, Menschen in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen da Begleitung zu bieten, wo sie Unterstützung brauchen.

Menschen im Spektrum hätten ihre eigene Wahrnehmung, erklärt Flörke. Sie nähmen Reize wie Umgebungslärm, grelles Licht oder laute Stimmen häufig viel intensiver wahr. Eine Reizfilterschwäche verhindere, dass sie Eindrücke von außen filtern, so die Therapeutin, "die rasseln einfach durch das System durch". Das könne eine Stresssituation auslösen, die man ernst nehmen müsse.

Für das Umfeld und neurotypische Menschen sei das unwahrscheinlich schwer zu begreifen, weil die Gefühle "nicht in das Raster, die Werte und Normen passen". Man kenne die Lebenswelt zwar aus Filmen wie "Rain Man", so Flörke, "aber das hier ist nicht Hollywood, das ist das Leben".

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch. Vor ihr auf dem Tisch steht ein Laptop. In Hintergrund ist ein Fenster.

Therapeutin Nadine Flörke in ihrem Büro.

Erst für Mitschüler vermitteln - dann Landwirt werden

Für die Zeit nach der Schule hat Lars schon einen Plan: Er will Landwirt werden. Ihn reizen die Arbeit und die vielen Tiere, die auf dem Bauernhof leben. Dass er über seine Entwicklung und seine Wünsche überhaupt reden kann, ist für Lars ein großer Erfolg - und für seine Therapeutin und seine Mutter ein Beleg, welch beeindruckenden Weg der Jugendliche bis hierher gegangen ist.

Obwohl Lars sich viel mit sich selbst beschäftigt, kann er sich mittlerweile gut in andere hineinversetzen. Das nutzt er jetzt für seine Mitschülerinnen und Mitschüler ein, die sich nicht so gut verständigen können, quasi als Vermittler zwischen ihnen und den Erziehern in der Gruppe.

Empathie für den verschwundenen Pawlos

Lars hat auch vom Fall des verschwunden Pawlos im Radio gehört, dem Sechsjährigen, nach dem mittlerweile seit über einer Woche gesucht wird - nicht nur am Ort des Verschwindens in Weilburg, sondern bundesweit. Er ahnt, was der Junge fühlen könnte, denn auch Pawlos lebt mit einer Autismus-Spektrum-Störung: "Stress auf jeden Fall. Und vielleicht auch Angst."

Die Menschen, die nach ihm suchen, bittet er, "ruhiger zu sein und nicht so hektisch". Denn das werde bei Pawlos zu immer mehr Strukturausfällen führen und "dann versteckt man sich noch mehr".

Mutter: Fall weckt Erinnerungen an Meltdown von Lars

Bei seiner Mutter weckt der Fall Erinnerungen an Lars' psychischen Ausnahmezustand vor einigen Jahren, einen sogenannten Meltdown. Ihr Sohn habe während der Schulzeit das Gelände verlassen wollen und sich weder anfassen oder einen anderen Ort bringen lassen. Zwei Lehrer hätten ihn damals "bewacht".

Was passiert wäre, wenn Lars damals entwischt wäre? Allein hätte er wohl kaum zurückgefunden. Ihr Sohn habe sich in Pawlos' Alter absolut nicht orientieren können.

Wie Pawlos' Angehörige sich fühlen, kann Erlewein nachempfinden. "Es ist ein Albtraum für alle Beteiligten, und ich wünsche mir wirklich sehr, dass dieses Kind gefunden wird."