
Brandenburg Alte Kleinbahn am neuen Haken - Historische Dampflok soll in der Prignitz fahren
Der "Pollo" dampfte über Jahrzehnte durch die Prignitz. Übrig ist von der Kleinbahn nur noch ein kleiner Abschnitt als Museumsstrecke. Die aber bekommt nun eine über 100 Jahre alte Dampflok. An ihrer Fahrtüchtigkeit wird noch gebastelt. Von Björn Haase-Wendt
Ein großer Schwerlastkran steht an der alten Bahnstrecke in Mesendorf bei Pritzwalk (Landkreis Prignitz). Hier hat der Verein der Prignitzer Kleinbahn "Pollo" sein Depot. Auf den Gleisen parkt die über 100 Jahre alte Dampflok mit der Nummer 99 46 44 – oder besser gesagt Teile davon.
Nach über 30 Jahren unter freiem Himmel und im Depot hat die Lok schon bessere Zeiten erlebt. "Ja unter freiem Himmel aufgestellt zu sein, ist für solch ein Gerät nicht der beste Umstand", sagt Wolfgang Brockmann vom Pollo-Verein. Der Zahn der Zeit hat an der historischen Lok genagt: Der Dampfkessel ist rostig, Kesselbleche müssen dringend erneuert werden.
Jetzt erweckt der Verein die alte Lok aber zu neuem Leben. Dank größerer Förderungen etwa durch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die Prignitzer Sparkasse und den Verein "Energie Dezent" sowie vielen Spenden ist ausreichend Geld zusammengekommen, um die Sanierung der Lok anzustoßen. Allein die Aufbereitung des Dampfkessels kostet rund 190.000 Euro. "Für das Gesamtprojekt der Lok gehen wir von ungefähr 300.000 Euro aus. Wir haben also für den Kessel die Finanzierung abgesichert", sagt Pollo-Vereinschef Philipp Dreidax.

Die Eisbenbahnfreunde haben die Geschichte der Lok sorgfältig dokumentiert.
Aufarbeitung in Spezial-Werk
Mit dem Schwerlastkran wird der tonnenschwere Dampfkessel auf einen Lkw verladen und in eine Spezialwerkstatt nach Oberwiesenthal gebracht. Dort soll er in den kommenden Monaten aufgearbeitet werden. "Da gibt es zertifizierte Kesselschweißer, die neue Rohre einschweißen und entsprechende Stahlteile erneuern. Zum Schluss kommt der Kesselprüfer und schaut, ob alles in Ordnung ist", erklärt Philipp Dreidax.
Schon zum Jahresende könnte der Kessel in die Prignitz zurückkehren, die Lok ist damit aber längst noch nicht fahrbereit. Auch das Führerhaus, der Kohlekasten und auch das Fahrwerk der Lok müssen dann noch aufgearbeitet und saniert werden. Vieles übernimmt der Verein – soweit es möglich ist – auch in Eigenleistung. "Unser Wunsch ist es, dass die Lok 2027 wieder fährt, aber das hängt auch von den Spenden ab", sagt der Vereinschef.

Rückkehr an alten Dienstort
Dass die Sanierung der Lok aber angestoßen werden konnte, ist für den Verein der Prignitzer Kleinbahn ein riesiger Meilenstein. Immerhin würde damit eine Original-Dampflok an ihren Arbeitsort zurückkehren. Mitte der 1960er Jahre wurde die Lok mit der Nummer 99 46 44 auf der Prignitzer Schmalspurstrecke zwischen Glöwen und Havelberg eingesetzt, erklärt Vize-Vereinschef und Chronist Wolfgang Brockmann: "Dort vollbrachte die Maschine sämtliche Zugleistungen und auch den Rangierdienst auf den Bahnhöfen." 1967 wurde sie aber ausgemustert, als erste Kleinspurstrecken aus Kostengründen stillgelegt wurden, fügt Wolfgang Brockmann hinzu. Gebaut wurde die Dampflok 1923 in den Werkshallen von Orenstein & Koppel in Drewitz bei Potsdam. Zunächst wurde sie im damaligen Oberschlesien bei der Rosenberger Kreisbahn eingesetzt, ab 1930 fuhr sie bei den Kleinbahnen im Kreis Jerichow in Sachsen-Anhalt.

Skepsis wegen der hohen Kosten
Nach ihrem Einsatz in der Prignitz ging die Bahn 1967 nach Putbus. "Sie war dort auch nur noch bis Ende 1968 im Einsatz und war dann bis Anfang der 1970er Jahre abgestellt“, sagt Wolfgang Brockmann. Allerdings sorgte eine Freizeitgruppe des Bahnbetriebswerks Neustrelitz für den Erhalt und ließ sie als Denkmal aufstellen. "So entging sie ihrer Zerlegung." 1994 kam sie nach dem Kauf durch den Pollo-Verein zurück in die Prignitz, bevor sie nun 31 Jahre später reaktiviert wird.
Die Verladung des Dampfkessels wurde von zahlreichen Schaulustigen und Unterstützern beobachtet, einer von ihnen ist Klaus Hoffmann aus Perleberg. Der 78-Jährige arbeitete in den 60er-Jahren in der Lokwerkstatt in Perleberg. "Da sind die Kleinbahnlokomotiven des Prignitzer Netzes unterhalten worden und auch an dieser Lok habe ich Wartungsarbeiten durchgeführt." Dass die Lok nun wieder zum Dampfen gebracht werden soll, freut ihn: "Ja, das ist doch toll und ich hatte ehrlich gesagt nicht mehr dran geglaubt, die Kosten sind doch immens."
Er war nicht der einzige. Es gab auch Skeptiker im über 120 Mitglieder starkem Verein, räumt Vereinschef Philipp Dreidax ein: "Das Projekt muss natürlich auch tragfähig sein, keiner weiß, wieviel die Tonne Steinkohle in der Zukunft kosten wird. Aber wir haben jetzt durch die Gaslokomotiven, die wir auch haben, jedes Jahr erhebliche Transportkosten und da haben wir gesagt: Wir können das schaffen mit den Unterstützern."

Impulse für Tourismus
Bei der Verladung mit dabei war auch Pritzwalks Bürgermeister Ronald Thiel, der zugleich Vorsitzender des Tourismusvereins Pritzwalk und Umgebung ist. Das große Engagement des Kleinbahnvereins sei herausragend, sagt er und erhofft sich durch die Sanierung der Dampflok auch einen Impuls für den Tourismus in der Prignitz: "Ich glaube, dass die Fahr- und Dampftage hier nochmal an Attraktivität gewinnen. Davon profitiert die Umgebung, denn Tagestouristen kommen nicht nur zur Kleinbahn, sondern verweilen dann hier auch noch ein bisschen." Bis es so weit ist, braucht es aber noch viel Schweiß und auch Spenden. Voraussichtlich im Laufe des Jahres 2027 soll die 200 PS starke Dampflok wieder durch die Prignitz rollen.
Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 25.03.2025, 19:30 Uhr