Stuttgart: Reax Mafia-Ermittlungen

Baden-Württemberg Razzia gegen Mafia bei Stuttgart: Experte sieht typisches Vorgehen der 'Ndrangheta

Stand: 02.04.2025 19:56 Uhr

Bei Razzien im Mafia-Milieu am Dienstag wurde auch ein Polizist verhaftet. Die Ermittler berichten von Taten im Gastrogewerbe. Mafia-Experte Sandro Mattioli überrascht beides nicht.

Einen Tag nach den Razzien im Raum Stuttgart sowie in drei weiteren Bundesländern und Italien ist die Bestürzung noch immer groß: Denn zu den Tatverdächtigen gehört auch ein 46-jähriger Polizist des Polizeipräsidiums Aalen. Die Ermittler hatten gestern 40 Objekte durchsucht und dabei 34 Haftbefehle vollstreckt. Der Beamte sitzt seither in Untersuchungshaft. Dem Aalener Polizeipräsidenten Reiner Möller zufolge soll der Polizist im Rang eines Polizeihauptmeisters die Gruppe unterstützt und damit Geheimnisverrat verübt haben.

Mafia-Verdacht: Polizeipräsident spricht von einem "Schock"

"Natürlich ist das ein Schock, wenn ein Polizeibeamter, der für Recht und Gesetz steht, sich derart an kriminellen Handlungen beteiligt", sagte Möller. Das sei auch eine Schwierigkeit bei den EU-weiten Ermittlungen gewesen, mit der zuvorderst die Kriminalpolizei Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) betraut war. "Ich bin froh, dass es uns gelungen ist, diese Maßnahme mit der notwendigen Geheimhaltung bis zum heutigen Tage umsetzen zu können", sagte Möller. Allerdings: Weitere Details zu dem Beamten nannten die Ermittler am Dienstag nicht.

Gewerkschaft der Polizei über den BW-Polizist unter Mafia-Verdacht

Thomas Mohr von der Gewerkschaft der Polizei zeigte sich am Mittwoch im Gespräch mit dem SWR sehr zufrieden mit den Ergebnissen der Razzien. "Wir sind glücklich über diesen Riesenerfolg gegen die Organisierte Kriminalität - das steht für uns auch im Vordergrund", sagte der stellvertretende Landeschef der Gewerkschaft. Es betrübe ihn und seine Kollegen aber, dass auch ein Polizist aus den eigenen Reihen nun zu den Tatverdächtigen zählt. Zunächst einmal gelte bei diesem wie bei allen Tatverdächtigen die Unschuldsvermutung. Man wolle zu Fragen im Detail erst mal die Ermittlungsergebnisse abwarten.

Tatverdächtiger Polizist: Mafia-Experte kaum überrascht

Der Journalist und Mafia-Experte Sandro Mattioli beschäftigt sich seit Jahren mit der Mafia und damit einem Teil der organisierten Kriminalität in Baden-Württemberg, insbesondere in der Region Stuttgart. Für ihn kommt der Schlag gegen die 'Ndrangheta und die Festnahme eines Polizisten als mutmaßlichem Maulwurf nicht überraschend. Die Mafia versuche schon lange und auch erfolgreich, gesellschaftliche Strukturen zu unterwandern - angefangen bei Sportvereinen über kommunale Verwaltungen bis hin zu Politik und eben Polizei. "Grundsätzlich ist es so, dass die 'Ndrangheta sehr bemüht ist, Netzwerke aufzubauen - und das ist ihre Stärke", sagte Mattioli dem SWR.

Dem Mafia-Experten zufolge kann die italienische Mafia in Deutschland nur deshalb wachsen, weil sie auch aus der normalen Bevölkerung Unterstützung erfährt - auch von Personen gänzlich ohne italienischen Hintergrund wie bei dem nun tatverdächtigen Polizisten. Gerade Polizisten könnten "kleinere Sachen hinbiegen", ohne überhaupt von dem Großen und Ganzen zu wissen. "Das muss gar nicht immer ein riesengroßer Geheimnisverrat sein", sagt Mattioli.

Die 'Ndrangheta
Die 'Ndrangheta (aus dem Griechischen für Mut oder Treue) gehört zu den mächtigsten Mafia-Organisationen weltweit und ist über die Grenzen Italiens hinaus aktiv. Beheimatet ist sie in der Region Kalabrien, gegenüber der Insel Sizilien. Sie dominiert den internationalen Drogenhandel, verdient ihr Geld aber auch mit Waffenhandel, Geldwäsche und Korruption. Ihren Umsatz schätzen manche Experten auf mehr als 100 Milliarden Euro. Es gibt in Kalabrien rund 160 Clans mit schätzungsweise 6.000 Mitgliedern. Die 'Ndrangheta hat auch in Deutschland ein festes Standbein. Clans der Organisation waren etwa für die Mafia-Morde von Duisburg verantwortlich, bei denen 2007 sechs Menschen vor einer Pizzeria erschossen wurden.

Gastronomie als typisches Betätigungsfeld

Die Gastronomie - gerade auch italienische Restaurants und Pizzarien - seien deshalb ebenfalls wichtige Orte für die Mafia. Sie dienten der Kontaktanbahnung bei Personen in bestimmten gesellschaftlichen Funktionen, so Mattioli. Zudem diene das Gastgewerbe dazu, Gelder zu waschen oder auch über andere Wege Gelder aus der Schatten- in die Realwirtschaft zu überführen. Das Geschäftsmodell, das die Waiblinger Ermittler aufgedeckt haben wollen, wäre ein klassisches Modell: Die Verdächtigen sollen Lebensmittel in Italien und Ungarn geordert, nicht bezahlt und dann an Gastronomen verkauft haben, ohne dass diese die Waren benötigt oder bestellt hätten. Dazu sei Druck bis hin zu Gewalt ausgeübt worden, so die Ermittler.

Sendung am Mi., 2.4.2025 10:00 Uhr, SWR4 am Vormittag, SWR4

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