
Baden-Württemberg Auch Polizist verhaftet: Razzia gegen Mafia mit Schwerpunkt im Raum Stuttgart
Ermittler haben in vier Bundesländern und Italien 40 Objekte durchsucht und etliche Haftbefehle vollstreckt. Ein Fokus lag auf dem Raum Stuttgart. Auch ein Polizist wurde festgenommen.
Die Polizei ist am Dienstag in vier Bundesländern in groß angelegten Razzien gegen die Organisierte Kriminalität vorgegangen. Neben Baden-Württemberg fand der Einsatz auch in Rheinland-Pfalz, dem Saarland und in Nordrhein-Westfalen statt. Ein Schwerpunkt dabei lag in der Region Stuttgart. Auch in Italien gab es Durchsuchungen. Baden-Württemberg gilt als wichtiger Aktionsraum für die italienische Mafia. Bei dem Einsatz waren 350 Einsatzkräfte sowie weitere Spezialeinheiten im Einsatz.
Unter den festgenommen Tatverdächtigen ist auch ein 46-jähriger Polizeihauptmeister aus Aalen. Ihm wird Geheimnisverrat vorgeworfen. Auf seine Spur waren die Ermittler in Deutschland gekommen. Der Beamte, der selbst im Rems-Murr-Kreis tätig war, hat der Polizei zufolge keine italienischen Wurzeln. Er sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft, hieß es bei der Pressekonferenz. Der Verdacht gegen ihn bestand nach Angaben der Ermittler seit 2021. Er sei bereits nach dem ersten Verdacht intern versetzt worden. "So konnten wir sicherstellen, dass keine weiteren Informationen weitergegeben werden", sagte der Polizeipräsident von Aalen, Reiner Möller.
Dazu SWR-Moderator Stefan Orner:
Verdacht auf Geheimnisverrat: Auch Polizist festgenommen
Am Nachmittag informierten die Ermittler in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) über die koordinierten Einsätze am Morgen. Von 6 Uhr an gab es 19 Durchsuchungen in Deutschland und 21 in Italien. Dabei wurden 34 Haftbefehle vollstreckt, 20 Personen davon in Italien, 14 in Deutschland. Bei den Razzien stellten die Ermittler fünf scharfe Schusswaffen mit Munition, Betäubungsmittel, digitale Speichermedien und Bargeld in fünfstelliger Höhe sicher. Die Polizei beschlagnahmte auch Geschäftsunterlagen.
"Zur Sache! BW" widmete sich vor einem Jahr den Spuren der Mafia im Land:
Schwerpunkt der Razzien im Rems-Murr-Kreis
Der Schwerpunkt der Razzien lag auf dem Rems-Murr-Kreis: Dort gab es Polizeieinsätze in Fellbach, Waiblingen, Kernen im Remstal, Weinstadt, Schorndorf und Rudersberg. Auch in Stuttgart-Feuerbach, Steinheim an der Murr (Kreis Ludwigsburg) sowie Kuppenheim (Kreis Rastatt) und Mühlacker (Enzkreis) durchsuchten die Ermittler Objekte. Außerhalb von Baden-Württemberg gab es Razzien in Maroth (Rheinland-Pfalz), St. Ingbert (Saarland) und Solingen (Nordrhein-Westfalen).
Die italienischen Ermittler waren nach Agenturberichten in den Provinzen Cosenza und Crotone in Kalabrien aktiv. Dort befänden sich nun 13 Personen in Untersuchungshaft. Sieben weitere Tatverdächtige sitzen in Hausarrest. Sie sollen am Aufbau einer kriminellen Organisation beteiligt gewesen sein, die auch in Deutschland ihre Ableger haben soll.
Innenminister Strobl: "Gewichtiger Schlag" gegen Mafia
Auch BW-Innenminister Thomas Strobl (CDU) äußerte sich am Nachmittag zu den Ermittlungen gegen die Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Seiner Einschätzung nach sei ein "gewichtiger Schlag gegen die Italienische Organisierte Kriminalität gelungen". Er unterstrich die "vertrauensvolle" Zusammenarbeit der baden-württembergischen Polizei mit italienischen Anti-Mafia-Dienststellen wie der Polizia di Stato, den Carabinieri und der Guardia di Finanza. Diese Kooperation zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität wolle man weiter ausbauen.
Zur Tatsache, dass im Rahmen der Ermittlungen gegen den Mafia-Clan ein Polizist festgenommen wurde, teilte ein Sprecher aus dem Innenministerium mit: "Die Menschen in unserem Land haben zu Recht ein hohes Vertrauen in die Polizei." Um diesem Vertrauen gerecht zu werden, gehe die Polizei Baden-Württemberg dem Sprecher zufolge "auch möglichem Fehlverhalten in ihren Reihen sehr konsequent nach". Straftaten dürften sich nicht lohnen. "Wenn die Polizei Erkenntnisse über Fehlverhalten von einzelnen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten erhält, werden unverzüglich straf- und dienstrechtliche Maßnahmen umfassend geprüft und gegebenenfalls eingeleitet", so der Sprecher.
SWR-Mafia-Experte: Kooperierender Polizist "Glücksfall" für Mafia
Für Stefan Orner, Co-Autor des SWR-Podcasts MAFIA LAND, ist es "etwas Besonderes", dass ein deutscher Polizist als Mafia-Helfer enttarnt wird. Es sei zwar bekannt, dass sich die Mafia vor Ort Helfer suche. Normalerweise handele es sich dabei aber eher um Menschen wie Hafenarbeiter, die beispielsweise Drogen von Schiffen transportieren. Dass ausgerechnet ein Polizist mit der Mafia kooperiert, sei für diese ein "Glücksfall".
Lebensmittelhersteller betrogen und Gastronomen genötigt
Hintergrund der Ermittlungen waren zahlreiche Straftaten mit Tatorten in ganz Deutschland, vor allem aber im Raum Stuttgart. Eine von ihnen war den Ausführungen zufolge ein illegales Geschäft mit mediterranen Lebensmitteln wie Käse, Olivenöl und Tomatenkonserven sowie Küchenutensilien. Dabei wurden Waren mit einem sechsstelligen Wert aus Ungarn und Italien bestellt und nicht bezahlt. Geliefert wurden die Lebensmittel in ein angebliches Lager namhafter deutscher Firmen in Fellbach (Rems-Murr-Kreis). Von dort aus wurden Gastronomen beliefert. Diese hatten nach Aussage der Ermittler keine Verwendung für diese Waren. Allerdings hatten sie dennoch bezahlt - aus Angst vor Repressionen.
Wie aktiv ist die italienische Mafia in BW? Der SWR-Podcast MAFIA LAND hat sich dieser Frage gewidmet - hier die zweite Staffel der Reihe:
Die Liste der Taten, die die Ermittler den Festgenommen zur Last legen, ist lang: Neben Fällen von versuchtem Totschlag und weiteren "erheblichen Gewaltdelikten" stehen schwere Brandstiftung und Waffendelikte im Raum. Hinzu kommen Drogendelikte: Beispielsweise wurden von einer Person und dessen Familie 12.000 Euro für Drogen abgepresst, so der Vorwurf. Hinzu kommen weitere Fälle von Drogenhandel. Auch Betrug, Steuerhinterziehung und Geldwäsche werden den Mitgliedern des Mafia-Clans vorgeworfen.
Razzien sind jahrelange internationale Ermittlungen vorausgegangen
Die Spuren der Tatverdächtigen führten die Ermittler immer wieder ins italienische Kalabrien und zur Mafiaorganisation 'Ndrangheta. Die Taten sollen, so die Ermittler, mit den Farao-Marincola-Clan in Verbindung stehen. Seit Ende 2020 habe die Kriminalpolizei Waiblingen im Rems-Murr-Kreis zusammen mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt. Von 2021 besteht zudem ein sogenanntes "Joint Investigation Team" (Jit) unter Einbindung der EU-Justizbehörde Eurojust. Auch die italienischen Strafermittler wurden dabei eingebunden.
Die Mafia habe ihr Geschäftsmodell in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, um noch mehr Geld aus illegalen Geschäften zu beziehen, sagt SWR-Mafia-Experte Orner. "Die 'Ndrangheta ist wie ein global agierendes, riesiges Unternehmen mit geschätzt 50 Milliarden Euro Umsatz im Jahr", so Orner. Entsprechend schwierig sei es, gegen Organisationen wie diese vorzugehen.
Hohe Mafiosi-Dunkelziffer in BW
Knapp ein Viertel der Angehörigen der italienischen Organisierten Kriminalität in Deutschland leben in Baden-Württemberg. Das wird auf die geografische Nähe zu Italien zurückgeführt, aber auch auf die Wirtschaftskraft des Bundeslandes. Das Spektrum der Straftaten reicht von Betrug über Drogenhandel und Waffendelikten bis hin zur Geldwäsche. Nach einer letzten Auskunft des Landesinnenministeriums (April 2024) leben allein in Baden-Württemberg rund 170 Personen, die das Landeskriminalamt der Organisierten Kriminalität zurechnet. Experten gehen aber von einer hohen Dunkelziffer an Mafiosi aus.
Sendung am Di., 1.4.2025 15:30 Uhr, SWR4 BW Studio Stuttgart - Nachrichten