Eingang zur Aix-Marseille Universität in Marseille, Frankreich.

"Safe Place for Science" Frankreich wirbt um enttäuschte US-Forscher

Stand: 04.04.2025 07:37 Uhr

Trump führt seinen Kulturkampf auch an Unis. Viele US-Forscher verlassen deshalb das Land - aus Angst vor Repression. Französische Unis wollen ihnen helfen und bieten "wissenschaftliches Asyl".

Von Julia Borutta, ARD Paris

Wer das geräumige Büro von Universitätspräsident Eric Berton betritt, dem verschlägt es erstmal die Sprache. Ein mannshohes quadratisches Fenster gibt den Blick frei auf das blau schimmernde Mittelmeer. Olivenbäume sind zu sehen und eine lange Mole im gleißenden Sonnenlicht. Hier zu forschen, muss herrlich sein.

Doch die glänzende Aussicht passt nicht zur Stimmung des Präsidenten. "Wir erleben einen historischen Moment. Unsere amerikanischen Kollegen befinden sich im Schockzustand. Das ist alles andere als harmlos. Von Europa aus macht man sich nicht genug bewusst, was da gerade passiert."

"Wir bieten wissenschaftliches Asyl"

Berton wollte nicht zuschauen, sondern handeln. Deshalb hat er einen Teil der Exzellenz-Gelder, über die die Uni Aix-Marseille verfügt, in ein Hilfsprogramm für amerikanische Wissenschaftler in Not gesteckt: 15 Millionen Euro. "Wir bieten wissenschaftliches Asyl an", sagt er dazu. Es gehe nicht um eine günstige Gelegenheit, kluge Köpfe anzuziehen. "Wie wären lieber nicht gezwungen, das zu machen. Aber wir mussten eine Antwort finden. Also geben wir wissenschaftliches Asyl für drei Jahre."

Berton wird 15 bis 20 US-amerikanische Forschende einstellen. Ca 800.000 Euro stehen pro Kopf zur Verfügung; für Gehalt, die Ausstattung und die Finanzierung der dazugehörigen Studienplätze. Obwohl das Gehalt an französischen Universitäten im internationalen Vergleich nicht besonders attraktiv ist, hat die Uni Aix-Marseille seit Anfang März bereits über 160 Bewerbungen erhalten. Gerade läuft der Auswahlprozess.

Zwei Kriterien gelten dabei: Passt das jeweilige Forschungsfeld zu den Instituten und Laboren an der Uni? Und: Ist der oder die Betreffende tatsächlich in einer existenzbedrohenden Lage? Im Mai werden die ersten Wissenschaftler übersiedeln.

"Totale Unsicherheit und Angst" in den USA

Eine von ihnen ist Andrea, die ohne ihren vollen Namen nennen zu wollen, ein Interview im französischen Radio gegeben hat: "Die größte Auswirkung der Trump-Direktiven auf meine Arbeit, ist, dass sie eine Situation der totalen Unsicherheit und Angst geschaffen haben. Auch wenn ich meinen Job noch habe und wir im Moment noch Gelder bekommen, wir kriegen keinerlei Informationen darüber, ob wir weiter finanziert werden oder nicht."

Die Trump-Regierung gibt vor, dass Begriffe wie Klima, Frau, Gleichberechtigung oder Inklusion in wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr verwendet werden dürfen. Uni Präsident Berton bekommt besonders viele Bewerbungen aus Fachbereichen wie Genderforschung, Geschichte, Gesundheit, Klima, auch Astrophysik, selbst von der NASA: "Das sind bewegende Geschichten. Sie werden entlassen, ihre Forschungsfelder werden vom einen auf den anderen Tag gestrichen. Viele kontaktieren uns aus Angst vor Repressionen lieber über gesicherte Messenger, über die Mail ihrer Eltern oder Lebenspartner."

Regierung unterstützt Vorstoß

Auch die Uni in Toulouse hat ein Programm aufgelegt, im Umfang von sechs Millionen Euro. Der französische Forschungsminister Philippe Batiste fordert explizit dazu auf, Forschenden aus den USA in Frankreich eine neue Heimat zu geben: "Denn das was in den USA passiert, hat ja auch massive Auswirkungen auf die Forschung hierzulande. Zum Beispiel was den Zugang zu großen Datenbanken anbelangt. Plötzlich verschwinden die oder der Zugangscode ändert sich oder bestimmte Stichwörter funktionieren nicht mehr. Es ist Wahnsinn."

Zusätzliche staatliche Förderung hat der Minister allerdings nicht angekündigt. Und so sorgt die Aktion der Unis in Toulouse und Aix-Marseille bei manchen Forschungseinrichtungen und Gewerkschaften für Stirnrunzeln. US-Kollegen aufnehmen, obwohl zahlreiche Institute in Frankreich heillos unterfinanziert sind?

Zu viele Bewerbungen aus den USA

Berton, der Präsident der Uni Aix-Marseille, weiß um die Probleme und die desolate Lage prekär beschäftigter französischer Wissenschaftler. Doch er lässt die Kritik nicht gelten. "Wir müssen auf der Höhe dieses historischen Moments sein und dürfen keine Nabelschau betreiben. Was da gerade in den USA passiert, betrifft uns alle. Wissenschaft funktioniert international, also müssen wir eine internationale Sicht auf die Dinge haben. Die Unis müssen auf der Höhe sein."

Berton appelliert an alle europäischen Unis, es ihm gleich zu tun. Er habe viel zu viele Bewerbungen bekommen. Gerne würde er die an andere Universitäten weiterleiten.